Luigi Riva: DONNERSCHLÄGE ÜBER SARDINIEN

Sein linker Fuß ließ Bälle explodieren. Seine Vereinstreue machte ihn in Cagliari unsterblich. Seine Torquote sucht in Italien heute ihresgleichen. Über den einzigartigen Luigi “Gigi” Riva.

An jenem Nachmittag im Oktober 1970 schien Luigi Riva, bester Stürmer Italiens, beinahe alles mit dieser Wucht zu tun, die ihn schlicht von anderen Angreifern abhob. Ein fulminanter Freistoß ins rechte untere Eck; ein Doppelpass per Außenrist, ein Sprint, ein zweiter Linksschuss aus spitzem Winkel genau neben den Pfosten. 3:1 in San Siro, gegen seinen Traumklub Inter.

An jenem Nachmittag im Oktober 1970 gab der berühmte Journalist Gianni Brera, Augenzeuge dieses wiederholten Spektakels, Riva auch endlich einen treffenden Spitznamen: “Il Rombo di Tuono”. Übersetzt bedeutet das Donnergrollen. Oder Donnerschlag. Ein Grollen, wenn der athletische Linksfuß unwiderstehlich antrat; ein Schlag, wenn Riva mit seinem starken Bein abzog. Nicht nur einmal sollen die steinharten Spielgeräte dieser Ära dabei sogar geplatzt, förmlich explodiert sein. Noch in jenem Oktober 1970 würde es allerdings einen weiteren Schlag lassen.

Knapp 20 Jahre zuvor hatte der kleine “Gigi”, Jahrgang 1944, schon einmal am Scheideweg gestanden. Sein Vater war bei einem Arbeitsunfall verstorben, die Zukunft der ohnehin armen Familie war ungewiss. Schließlich wurden er und seine Schwester Fausta in ein Heim gegeben – die Mutter hätte sie nicht ernähren können. Auch sie verstarb schließlich, noch bevor Gigi volljährig wurde.

Dessen Zufluchtsort war der Fußball. Der Mittelpunkt seines simplen Lebens, auch als er bereits am Fließband stand und für einen eigenen kleinen Verdienst malochte. In den unteren Ligen werden viele begabte Talente irgendwann vergessen – doch einen solchen Antritt, eine solche Kraft und einen derartigen linken Fuß konnte einfach keiner übersehen.

Mit 18 wurde Riva, zuvor ein regelrechter Wandervogel, von Drittligist AC Legnano fest verpflichtet. Plötzlich eröffnete sich die Möglichkeit, aus der Leidenschaft einen Beruf zu machen. Der drahtige 1,80-Meter-Stürmer trug zum sofortigen Aufstieg seinen Teil bei – und war Fußball-Italien auch wegen starker Auftritte in den Junioren-Nationalmannschaften bald ein Begriff.

Nach nur einem Jahr in den höheren Spielklassen streckten bereits prominentere Vereine ihre Fühler aus – Gigis Traumklub Inter Mailand hatte jedoch kein Interesse: Dessen Trainer-Ikone Helenio Herrera glaubte nämlich nicht, dass Riva der Sprung zum Vollprofi gelingen würde. Ausgerechnet aus körperlichen Gründen. Dieser schoss derweil Zweitligist Cagliari, der sich intensiv um den Teenager bemüht hatte, erstmals in der Vereinsgeschichte in die Serie A. Dabei hatte sich Riva den armen und national eher ungeliebten Sarden ursprünglich nur sehr widerwillig angeschlossen: “Es war, als fliege man nach Afrika.”

Das enttäuschende italienische Abschneiden bei der WM 1966 und der folgende Umbruch in der Nationalmannschaft spielten Riva in die Karten. Nationaltrainer Ferruccio Valcareggi setzte ihn trotz Konkurrenz wie Pietro Anastasi oder Pierino Prati regelmäßig als Mittelstürmer ein, gleichzeitig entwickelte sich Cagliaris Aushängeschild zu einem der besten Spieler in der zu dieser Zeit meistbeachteten Liga Europas.

Bei der Heim-EM 1968 schoss Riva die Squadra Azzurra mit einem Tor im Finale zum Titel. Und 1969 Cagliari, wo sich inzwischen trotz geringem Etat eine eingespielte Truppe gebildet hatte, mit 20 Saisontoren um ein Haar zur Meisterschaft. Mittlerweile war Riva in Italien zu einem Sportidol, auf Sardinien gar zu einem Volkshelden avanciert. Für einen Klub des armen Südens begehrte er, einer der besten Spieler Europas, beinahe heroisch gegen den reichen Norden auf.

Die dortigen Vereine wie Juventus oder inzwischen auch Inter klopften zwar längst mit hochdotierten Angeboten an, doch nun zeigte Riva ihnen die kalte Schulter. Es hatte sich eine tiefe Beziehung zwischen Spieler und Verein und damit auch mit der ganzen Insel entwickelt – da half es auch nichts, dass Juve einmal gleich sieben Spieler zum Tausch anbot.

1970 waren sie ohnehin alle fällig: Mit 21 Saisontreffern führte Riva, zum dritten Mal Torschützenkönig, Cagliari tatsächlich zur ersten und bislang einzigen Meisterschaft. Auf Sardinien donnerte es. Bei der WM in Mexiko im selben Jahr schoss er im Halbfinale gegen Deutschland “das beste Tor im besten Spiel des besten Sports der Welt”. Erst im Endspiel musste sich der Europameister Brasiliens Übermannschaft um Pelé beugen.

Doch Riva, 25 Jahre alt, war ganz oben. Und mit ihm Cagliari. Die Sarden führten die Tabelle auch in der Folgesaison an, ihr Anführer schoss nahezu jedes wichtige Tor. Plötzlich spielten sie auch im großen Europacup mit: Cagliari gegen Celtic, Ajax, Titelverteidiger Feyenoord, Atletico Madrid oder die Fohlen-Elf von Borussia Mönchengladbach. Dann kam der Oktober 1970.

Im Oktober 1970 machte sich Gigi auf Sardinien endgültig unsterblich: Im Nachgang an die Meisterschaft – etliche Top-Klubs buhlten mit immensen Offerten um ihn – verlängerte Riva seinen Vertrag in Cagliari um fünf Jahre. Ein Star, der eigentlich zu groß für seinen Verein geworden war. Doch auch Verbundenheit und Dankbarkeit waren inzwischen eben zu groß geworden. Es folgte die Gala in San Siro und der Spitzname, der Rivas aktive Zeit lang überdauern würde.

Das war am 25. Oktober. Sechs Tage später, bei einem Länderspiel gegen Österreich, trat Gegenspieler Norbert Hof Riva in der Schlussphase das Wadenbein dermaßen kaputt, dass sogar die Frage aufkam, ob Riva jemals wieder Fußball spielen kann. Ohne seinen Leistungsträger beendete Cagliari die Saison im Tabellen-Mittelfeld, im Europapokal war schon in der nächsten Runde Endstation.

Riva kämpfte sich zurück. 1971/72, als der schwere Beinbruch verheilt war, trumpfte “Il tombo di ruono” mit 21 Toren in 30 Serie-A-Einsätzen nochmals auf. Doch an die vollen 100 Prozent seiner außergewöhnlichen Physis reichte er nach der Verletzung nie mehr heran, mit jeder weiteren Saison bröckelte seine Ausnahmestellung unweigerlich. Und mit ihr Cagliaris Ambitionen.

Noch 1976, als der weiterhin verletzungsgeplagte, erst 31-jährige Riva unter großem Jubel – der sich beinahe wie ein Donnergrollen anhörte – zum letzten Mal den Rasen des Stadio Sant’Elia verließ, stieg Cagliari als Tabellenletzter ab. Er spielte nie wieder für einen anderen Verein. “Riva ist auf Sardinien unsterblich, er ist eine mythische, beinahe eine religiöse Figur”, schwärmt der sardische Journalist Vito Biolchini. Und übertreibt damit nicht.

Ein Ausnahmekönner, der einen Klub des armen Südens gegen die reichen Nordvereine zur Meisterschaft geführt hatte, ihm dann treu blieb und fortan glühend verehrt wurde: Was Diego Maradona später in Neapel vollbringen sollte, gelang Riva zuvor in Cagliari. Seine Torausbeute im Nationaldress, 35 Treffer in lediglich 42 Länderspielen, bedeutet weiterhin Rekord und wurde seit Jahrzehnten von keinem Italiener übertroffen.

Auch nach seiner aktiven Zeit blieb Riva Stadt und Verein treu, sein Trikot mit der Rückennummer 11 wird in Cagliari nicht mehr vergeben. Was er einzig bedauere, sagte Riva einmal, sei, “nicht in der Lage gewesen zu sein, Leben und Erfolg mit den Eltern zu teilen”. Auf Sardinien hat er zumindest eine große Ersatzfamilie gefunden, die ihn wärmstens in die Arme schloss. Bis zuletzt. Heute trauert sie um einen der Ihren. Um ihren Größten.

Große Auszüge dieses Textes habe ich 2019, zu Rivas 75. Geburtstag, für den kicker geschrieben.

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