Magico Gonzalez: DRIBBLINGS DURCH DIE NACHT

Jorge “Magico” Gonzalez war der beste Fußballer, den El Salvador bisher hervorgebracht hat – und hätte beim FC Barcelona zum Weltstar werden können. Doch er wollte nicht.

Hochsommer 1984, USA. Während in South Beach die erste Staffel von Miami Vice gedreht wird, reist auch der FC Barcelona durch die Staaten. Auf der Vorbereitungstour der Katalanen lockt vor allem ein Lockenkopf die Zuschauer in die Stadien. Die blau-rote Nummer zehn gleitet über die Kunstrasenplätze der North American Soccer League, seziert mit Sololäufen und Zuckerpässen die einheimischen Abwehrreihen. Diego Armando Maradona. Den kennt jeder. Aber auch die Nummer elf fällt auf.

Immer wieder, wenn sie gerade Lust zu haben schien, wirkte sie fast wie Maradonas Spiegelbild. Was Diego vorzugsweise mit links anstellte, vermochte dieser dürre Kerl aus El Salvador mit dem rechten Fuß fertigzubringen. Jorge Gonzalez, “Magico”. Der Zauberer. Ein unglaubliches Talent. Ein Talent, das aber noch vor Maradona, der sich kurz darauf mit Barca überwerfen und nach Neapel wechseln sollte, genauso schnell verschwand, wie es zuvor aufgetaucht war.

Weil Magicos Heimatland El Salvador schon damals nicht gerade zu den Fußballmächten zählte, hatte ein solcher Ausnahmespieler schon früh auch einen Ausnahmestatus erlangt. Was ihm außerdem ein ausschweifendes Lotterleben ermöglichte. Doch der Sportheld seiner kleinen Nation führte diese 1982 tatsächlich zur WM nach Spanien, wo ein Spieler trotz 1:13 Toren und dem krachenden Vorrunden-Aus zu den Shootingstars zählte: Magico. Fortan ein begehrter Mann.

Was Magico selbst begehrte, vermochte aber nicht alleine der Fußball zu stillen. Das wurde auch den europäischen Vereinen bewusst, die nun natürlich Schlange standen. Atletico Madrid etwa, oder Paris Saint-Germain. “Was soll ich denn in Paris? Die Stadt ist riesig und ich kann die Sprache nicht”, blaffte Magico wahrscheinlich nicht auf französisch und unterschrieb – haltet euch fest – beim spanischen Zweitligisten Cadiz. Oder vielleicht vielmehr bei der Stadt Cadiz, die ein bisschen kleiner war als Paris.

Eine Stadt, die für Gonzalez zum Schlaraffenland wurde, als er ihren Klub sogleich zum Aufstieg geführt hatte. “Dieser Typ lebt in der Nacht und schläft am Tag”, wunderten sich dessen Mitspieler über einen vermeintlichen Weltstar, der mit dem Fußball zwar sein Geld verdiente, den Sport ob seiner Begabung allerdings mehr als Berufung denn als Beruf verstand. Auf die Narrenfreiheit, die er in Cadiz genoss, hatte Magico spekuliert. So wollte er leben.

Fußball, das war für ihn reines Vergnügen, betonte Magico, der eher unregelmäßig zum Training erschien – und dann meistens zu spät. Bei PSG wäre das nicht durchgegangen, an den meisten anderen Orten wohl auch nicht. Doch weil er Woche für Woche ziemlich zuverlässig auf dem Platz stand und Cadiz unverhältnismäßigen Erfolg bescherte, konnten die Andalusier wenig gegen sein Privatleben sagen. Er wiederum murrte ja auch nicht, als sie gemeinsam wieder abstiegen.

Die Nachtwelt und der Fußballzirkus, Weltklasse-Hobbykicker Magico bekam beides unter einen Hut. So auch in einem semi-bedeutenden Pokalformat, als Cadiz 1983/84 auf den großen FC Barcelona traf. Gonzalez hatte mal wieder über die Stränge geschlagen und in der ersten Hälfte in der Kabine noch seinen Rausch ausgeschlafen, während die Kollegen draußen auf dem Rasen mit 0:3 in Rückstand gerieten. Mit Joker Magico, der zwei Tore vorbereitete und die anderen beiden selbst schoss, gewannen sie das Spiel noch 4:3 – Aufnahmen davon gibt es leider nicht.

Es war ein Auftritt, der dem hageren Dribbelkönig das Ticket für Barcas Preseason-Tour einbrachte. Dort spielte er zweimal für die Katalanen – und er spielte gut. Für Kumpel Maradona war er sogar einer der zehn besten Spieler, die der Argentinier jemals spielen sah. Doch er war eben auch, das hatten beide gemeinsam, ein sehr streitbarer Charakter. Eigenwillig bis zum Abwinken. Und Barcelona war nicht Cadiz, beim Weltklub winkten sie ab.

Der Tropfen, der das Fass angeblich zum Überlaufen brachte, ereignete sich nach einem Feueralarm im Teamhotel. Alle versammelten sich draußen und brachten sich in Sicherheit, während Gonzalez, der Damenbesuch hatte, einfach auf seinem Zimmer blieb. “Wenn ich etwas anfange, bringe ich es auch zu Ende”, erklärte er trocken. Da hatte Barca die Schnauze voll. Und die große Chance war vertan.

Eine schillernde Weltkarriere beim FC Barcelona wäre wohl ohnehin nicht Magicos Idee von einem glücklichen Leben gewesen. Auch saftige Angebote aus der damaligen Star-Liga Serie A lehnte er ab. Er ging einfach zurück nach Cadiz. Wegen leistungsbedingten Zerwürfnissen verließ Gonzalez den Klub, wo er bis heute eine Legende ist, zwar kurzzeitig mal gen Real Valladolid. Doch selbst dort wurde er nicht glücklich.

Unter der Bedingung, dass er künftig nur noch pro Spiel bezahlt wurde, weshalb er wesentlich weniger verdiente als seine nur durchschnittlich begabten Mitspieler, nahm Cadiz den Eigenbrötler wenig später wieder zurück. Der Klub, der ihn sein ließ, wer er war. Magico Gonzalez. Der Fußballer, aber vor allem der Mensch.

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