ManUnited 2, FC Bayern 1 (1999): ZEHN ERKENNTNISSE

Das Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United, das nach langer Führung bis in die Nachspielzeit auf schier unerklärliche Weise noch verloren ging, gilt wohl immer noch als berühmteste Niederlage des FC Bayern München. Was hat der deutsche Rekordmeister falsch gemacht?

Nach schwierigen Jahren Ende der 1970er hatte Manager Uli Hoeneß “seinen” FC Bayern erfolgreich saniert und zurück an die Spitze des deutschen Fußballs geführt, wo sich der Rekordmeister rund um die Jahrtausendwende nicht nur etablieren, sondern sogar absetzen sollte. Nach dem ganz großen Titel, der Champions League, lechzten die Münchner 1999 aber ebenso noch wie Alex Ferguson, der mit Manchester United die Vorherrschaft in der Premier League übernommen hatte. International war der Trainer mit seinen Red Devils aber etwas schuldig geblieben.

Nachdem sich beide Traditionsklubs 1998/99 bereits in der CL-Gruppenphase begegnet waren (2:2, 1:1) – seither bestritt Bayern 24 Pflichtspiele, United hingegen 35 -, kam es im Finale zum Wiedersehen. Im epochalen Camp Nou zu Barcelona konnte es schließlich nur einen Sieger geben. Es wurde dann aber der andere.

Manchester United: Schmeichel – G. Neville, Stam, Johnsen, Irwin – Giggs, Beckham, Butt, Blomqvist (67. Sheringham) – Yorke, Cole (81. Solskjaer).

FC Bayern München: Kahn – Matthäus (80. Fink) – Babbel, Linke, Kuffour, Tarnat – Effenberg, Jeremies – Basler (89. Salihamidzic), Jancker, Zickler (71. Scholl).

Tore: 0:1 Basler (6.), 1:1 Sheringham (90.+1), 2:1 Solskjaer (90.+3).

1. Das Triple

Auf maximal dramatische Weise gewann Manchester United 1999 nicht nur die Champions League, sondern damit einhergehend auch das Triple – binnen elf Tagen. Am 16. Mai, erst am letzten Spieltag, machten die Red Devils die Meisterschaft klar, am 22. Mai gewannen sie das FA-Cup-Finale gegen Newcastle. Und am 26. Mai, an einem Mittwochabend, stand das CL-Finale gegen den FC Bayern an, der das Triple übrigens auch hätte gewinnen können.

Die deutsche Meisterschaft war bereits eingetütet, zweieinhalb Wochen später stand allerdings noch das DFB-Pokalfinale an. Nach der Niederlage gegen Manchester im ganz großen Endspiel verloren die Bayern erneut – im Elfmeterschießen gegen Werder Bremen.

1999 hatte übrigens noch kein Team aus den großen europäischen Ligen Meisterschaft, Pokal und Königsklasse in einer Saison gewonnen, was es zwischen 2009 und 2023 – zweimal der FC Barcelona, zweimal der FC Bayern, je einmal Inter Mailand und Manchester City – gleich sechsmal gab. Bis dato war das erst Celtic (1967), Ajax (1972) und der PSV Eindhoven (1988) gelungen.

2. Manchesters Mittelfeld

Manchester United spielte unter Trainer Alex Ferguson zu dieser Zeit im typisch englischen 4-4-2 – und der stärkste Mannschaftsteil der Red Devils war wohl das Vier-Mann-Mittelfeld. Dieses stand dem FC Bayern im CL-Finale jedoch vollkommen verändert gegenüber.

Uniteds Schaltzentrale Roy Keane und Paul Scholes fehlte im Endspiel gesperrt, wobei sich Keane im vier Tage zurückliegenden Pokalfinale ohnehin verletzt hatte. Dadurch verließ David Beckham seine angestammte Position auf dem rechten Flügel, um zentral auszuhelfen, und Ryan Giggs seine auf dem linken Flügel, um rechts zu spielen. Manchesters Mittelfeld trat alles andere als in Bestbesetzung an, was ihm vor allem in puncto Kreativität enorm anzumerken war.

Während Giggs als Linksfuß auf dem rechten Flügel mit den dortigen Abläufen fremdelte – der “Robben-Move” lag ihm nicht -, gelang seinem Ersatz Jesper Blomqvist auf links noch weitaus weniger. In der Zentrale dachte Nicky Butt fast rein defensiv, sodass Uniteds Angriffsspiel ziemlich an Beckham hängen blieb, an dem Jens Jeremies hängen blieb. Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld hatte Beckham nach Keanes Ausfall bereits im englischen Pokalfinale in dieser Rolle gesehen, Manchesters Mittelfeld in dieser Zusammensetzung erwartet und dem jungen Engländer einen erbarmungslosen Bewacher verpasst.

Auch so ist zu erklären, warum der FCB im Mittelfeld meist die Oberhand hatte.

3. Deutsche Bayern

Obwohl die Ausländerregelung knapp vier Jahre nach dem Bosman-Urteil erheblich gelockert worden war, trat der FC Bayern im Champions-League-Finale 1999 mit zehn Deutschen in der Startelf an. Nur Verteidiger Samuel Kuffour kam aus Ghana. Schon zwei Jahre später, im CL-Finale 2001, waren es nur noch vier Deutsche. Insgesamt standen nur Oliver Kahn, Kuffour, Thomas Linke und Stefan Effenberg zwei Jahre später erneut von Beginn an auf dem Rasen.

Bayerns Startelf in Barcelona. – Bild: www.bundesliga.com/en

Bei Manchester United starteten 1999 in Gary Neville, Nicky Butt, David Beckham und Andy Cole übrigens lediglich vier Engländer.

4. Der Kettenhund

Das Champions-League-Finale 1999 war ein etwas wildes, aus heutiger Sicht – Frühjahr 2024 – kein modernes, fortschrittliches Fußballspiel. Sinnbildlich dafür, wobei die deutsche Nationalmannschaft einen ähnlichen Spieler Stand 2024 dringend nötig hat, war Bayerns Mittelfeldmann Jens Jeremies.

Trainer Hitzfeld stellte den emsigen Arbeiter einzig und allein als Beckham-Bewacher, als Zerstörer auf, der zum Offensivspiel seiner Mannschaft kaum etwas beitragen musste. Was er jenseits von ein paar ungestümen Aktionen nach Ballgewinnen auch nicht tat. Seinen Job, weil das Einschränken Beckhams – siehe Erkenntnis 2 – bereits die halbe Miete war, hatte er eigentlich gut erledigt. Blöd nur, dass Jeremies bei Beckhams Ecken in der Nachspielzeit zu Mindestabstand verdonnert war.

5. Basler

Schon lange ist Mario Basler zum stammtischaffinen Phrasendrescher verkommen, sodass manche, die ihn nie spielen sahen, sich vielleicht fragen, was der Fußballer Basler eigentlich so auf den Platz brachte. Etwa in einem Champions-League-Finale, in dem er den FC Bayern nach gut fünf Minuten durch ein typisches – allerdings furchtbar verteidigtes – Freistoßtor in Führung geschossen hatte.

Weiter hinten positioniert als links Zickler spielte Basler damals im rechten Mittelfeld, stets mit Blick und Zug nach vorne – auch wenn er einen Gegenspieler in einer Szene tatsächlich über den halben Platz verfolgte. Erfolgreich. Baslers Stärken waren seine Schnelligkeit, seine Geradlinigkeit – auf diese Weise war er auch relativ dribbelstark – und natürlich seine Flanken und Schüsse. Nach einer guten Stunde hätte der 30-malige deutsche Nationalspieler, der das nicht zum ersten Mal versuchte, den zu weit vor seinem Kasten stehenden United-Keeper Peter Schmeichel beinahe aus 50 Metern überlistet. Das wäre ein Champions-League-Tor für die Ewigkeit geworden.

6. Aus einer stabilen Abwehr heraus

Wenn der FC Bayern dieses Finale gewonnen hätte, und es war ja wirklich knapp, dann vor allem wegen seiner Defensivleistung. Schon Münchens Angreifer liefen situativ deutlich eher an als die aus Manchester, die deutsche Manndecker-Denke, Disziplin und starke Körperlichkeit machten eigentlich alle Bayern-Spieler zu starken Zweikämpfern.

Zwar enttäuschte United spielerisch, weil gerade Beckham, Giggs oder Dwight Yorke, die relativ nah beieinander spielten, normalerweise wirklich etwas am Ball konnten. Sie bespielten die Zwischenräume, die Bayern durchaus bot, in ungewohnter Konstellation viel zu selten konsequent. Doch das Bollwerk des deutschen Rekordmeisters mit Viererkette, zusätzlich Libero Lothar Matthäus sowie Jeremies und Effenberg noch davor, ließ lange Zeit einfach kaum etwas zu. In bester Manndecker-Manier schalteten Kuffour und Linke Uniteds gefährliches Sturmduo Cole und Yorke aus.

7. CL-Finals wurden nicht gedreht

Obwohl der FC Bayern kein brillantes Finale spielte – dazu im nächsten Punkt mehr -, sah er eineinhalb Stunden lang wie der sichere Sieger aus. Allein schon statistisch: Dass eine Führung in einem Endspiel um den Henkelpott vor dem Elfmeterschießen noch umgedreht wurde, hatte es seit fast 30 Jahren nicht mehr gegeben – mit einer Ausnahme: dem FC Bayern 1987 gegen Porto.

Wäre das Finale 1999 zwischen Bayern und ManUnited in die Verlängerung gegangen, hätte es übrigens eine mögliche Entscheidung durch ein “Golden Goal” gegeben.

8. Konterchancen

Gerade aus der zweiten Hälfte sind bessere Bayern in Erinnerung geblieben, weil sie durch die Aluminiumtreffer von Mehmet Scholl (Heber an den Pfosten, 79.) und Carsten Jancker (Fallrückzieher an die Latte, 84.) hätten höher führen und dadurch alles klar machen müssen. Durch beschriebene Szenen war das zwar total möglich gewesen und die folgende Niederlage für die Münchner umso bitterer, jedoch hatten sie sich das auch selbst eingebrockt.

“Bayern hätte mehr für die Offensive tun müssen”, bemängelte in der folgenden kicker-Ausgabe der ehemalige und spätere FCB-Trainer Jupp Heynckes. In der Tat hatte Bayern nach seiner frühen Führung durch Baslers Freistoßtor kaum mal ernsthaft auf das 2:0 gespielt, sich in verwaltender Rolle – nicht zu Unrecht – gefallen und vor allem in der zweiten Hälfte, angeführt von Libero Matthäus, nur noch auf Konter gespielt. Beide Alu-Treffer, wie zuvor schon eine große Chance durch Effenberg, entstanden nach klassischen Tempo-Gegenstößen, als United in der Schlussphase weit aufgerückt war. Dominant erzwungen hatte sich der FCB diese Situationen nicht.

Hätte Bayern konsequenter nach vorne gespielt, also die Angreifer nicht so oft auf sich allein gestellt gelassen, hätte die Hitzfeld-Elf womöglich eher auf 2:0 stellen und für klare Verhältnisse sorgen können. Stattdessen ging ihnen irgendwann zu viel Entschlossenheit ab, um das Spiel gegen lange Zeit relativ harmlose Red Devils komplett zu kontrollieren.

9. Zu lange nachgespielt?

“Warum, weiß nur Collina”, haderte der deutsche Kommentator Marcel Reif mit der Nachspielzeit, die der italienische Star-Schiedsrichter auf drei Minuten bestimmt hatte. Angesichts einer sehr flüssigen Partie ohne große Unterbrechungen hätten es möglicherweise auch zwei Minuten Nachschlag getan – aber auch dann wäre für die beiden United-Tore genug Zeit gewesen.

Als der Ball bei Teddy Sheringhams Ausgleich die Linie überquerte, zeigte die Uhr die Sekunde 90:35 an – durch den Torjubel und die kurze Unterbrechung wären aus zwei Extra-Minuten spätestens jetzt mindestens zweieinhalb geworden. Ole Gunnar Solksjaer schlug dann bei 92:17 zu.

Es war unglaublich bitter für die Bayern, das große Finale auf diese Weise noch zu verlieren. Aber einer zu langen Nachspielzeit konnte der deutsche Rekordmeister nicht die Schuld dafür geben.

10. Matthäus

Von den “Was wäre, wenns” des CL-Finals von 1999 wird die Auswechslung von Libero Lothar Matthäus zehn Minuten vor Schluss am häufigsten genannt. War die Herausnahme des bereits 38-Jährigen so ein Knackpunkt?

Wenn man einerseits die Bilder sieht, wie platt Matthäus nach einem aufreibenden, starken Auftritt wirkte, macht es den Eindruck, dass seine Auswechslung womöglich alternativlos war. Andererseits ist Fakt, dass United nur Sekunden nach dem Wechsel – für Abwehr-Organisator Matthäus kam Thorsten Fink – so leicht durch Bayerns Zentrum spielen konnte wie in den vorigen 80 Minuten nie. Wie auch, dass die Red Devils – abgesehen von Blomqvists Hochkaräter in der 56. Minute – erst in den Schlussminuten offensiv wirklich aufkamen, obwohl Ferguson bereits eine Viertelstunde zuvor gewechselt und von 4-4-2 auf 4-3-3 umgestellt hatte.

Natürlich konnte das auch daran liegen, dass Manchester, mit dem Rücken zur Wand, erst dann so richtig ins Risiko ging, und der FCB, nur noch Minuten vom Titel entfernt, zu Grübeln anfing. Doch augenscheinlich gingen den Münchnern ohne ihren Leitwolf Struktur und Sicherheit ab.

Es passte jedenfalls ins Bild, dass Fink, der im Gegensatz zu Matthäus zu viel vor der Viererkette verteidigte und in seinem Rücken Lücken hinterließ, den Ball vor Sheringhams Ausgleich unglücklich und schließlich fatal in die Mitte klärte. Kritik kam im Nachgang, von Mitspielern wie Scholl und Basler, allerdings mehr an Matthäus als an Fink auf.

Ob der Weltmeister die restlichen zehn Minuten noch durchgehalten hätte? So musste er ohnmächtig von der Bank aus mitansehen, wie ihm der Pokal mit den großen Ohren schon wieder verwehrt blieb. Einige Teamkollegen gewannen ihn zwei Jahre später. Matthäus nie.

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