Mal etwas “Persönliches”: Das hier ist ein spontanes und total subjektives Format, in dem es knapp geschildert um die Spieler geht, die mir fußballerisch auf ihren jeweiligen Positionen am besten gefallen (haben).
Torwart
Oliver Kahn. Natürlich nicht Oli, der Libero, aber der Titan. Gebt mir den Titan. Ein Wahnsinniger, auch im positiven Sinne. Einer, vor dem man als Stürmer Angst kriegt, wenn man auf ihn zuläuft. Nur Respekt reicht mir nicht. Macho? Vielleicht. Aber auch durchgeschwitzter Superheld, der regelmäßig vermeintlich Unhaltbare rauskratzt. Der Freund und Feind plötzlich kneifen, beißen, umkicken kann. Im Fußball geht es doch auch um das Unerwartete. Sympathisch? Bedingt. Aber wer Golfballwürfe wegsteckt und Durchschnittstruppen in Endspiele schleift, muss kein kontrollierter Spielaufbauer sein. Hasst und fürchtet ihn, meinen Rückhalt.
WIE WICHTIG WAR OLIVER KAHN BEI DER WM 2002?
Rechtsverteidiger
Javier Zanetti. Es erleichtert einfach, einen zu haben, der läuft und läuft und läuft und läuft. Da kann man sich an der Seitenlinie auch mal kurz umdrehen. Und sich überlegen, diesen Tausendsassa doch mal die Außenbahn vorzuschieben, ihn ins Mittelfeld zu ziehen, ihn stabilisierend in eine temporäre Dreierkette zu verfrachten, weil der Linksverteidiger wieder zum Linksaußen geworden ist. Zanetti wird es tun, ohne zu murren. Zuverlässig. Gut. Sehr gut sogar. Und selbst die Fans der Gegner werden ihn heimlich mögen. Vielleicht geben sie es sogar offen zu. Jede Mannschaft braucht einen Zanetti.
Innenverteidiger #1
Elias Figueroa. Übervater aller ‘Rolls-Royce-Verteidiger’. Ein Franco Baresi mit Gardemaß. Und südamerikanischem Temperament. Eigentlich langweilig, einfach den zentralen Verteidiger zu wählen, der so ziemlich alles konnte. Aber von ‘Don Elias’ weiß das ja kaum einer. Einige wissen noch nicht mal von seiner Existenz. Für mich kann es nur einen Abwehrchef geben. Ihn. Nehmt die Aura von Maldini. Den Körper von van Dijk. Die Aggressivität von Ramos. Das Antreiben von Lucio. Und von Baresi dann speziell die vertikalen Doppelpässe. Klingt vielleicht übertrieben, aber ich beschreibe doch nur. Die drei aufeinanderfolgenden “Südamerikas Fußballer des Jahres”-Titel hab nicht ich ihm verliehen. Figueroa hat natürlich, was damals aber nichts zu heißen hatte, nicht in Europa gespielt. Außer etwa bei der WM 1974 in Deutschland. Gerd Müller und Co. haben den Rolls Royce kennengelernt. Und die fanden ja schon Netzers Jaguar verrückt.
EINE ODE AN DON ELIAS FIGUEROA
Innenverteidiger #2
Raphael Varane. Der 19-jährige Raphael Varane. Also einmal ein Platzhirsch, Figueroa, und daneben … ein scheues Reh? Schadet zumindest nicht, wenn eure Stürmer das denken! Bis sie von diesem Supertalent erbarmungslos abgelaufen werden, das dabei wahrscheinlich nie mehr so konsequent war wie in seiner famosen Durchbruchsaison. Wenn im Duden neben ‘Tempo in der Restverteidigung’ ein Foto wäre und so … Der hätte Burruchaga 1986 noch eingeholt. Der Spielaufbau passt schon auch, doch das können ruhig die anderen machen. Varane darf sich zurückhalten. Eine Hierarchie schadet nicht. Im entscheidenden Moment wird er trotzdem da sein. Vielleicht auf leisen Hufen, aber das zählt auch.
Linksverteidiger
Roberto Carlos. Es lebe die Asymmetrie. Womit nicht nur gemeint ist, dass der eine Oberschenkel 70 Zentimeter Umfang hat und der andere nur 65. Mein Linksverteidiger ist in der Viererkette meistens außen vor. Vor allem außen. Und ganz besonders vor. Roberto Carlos hat die Lizenz zum Stürmen. Zum Schießen sowieso, meinetwegen von überall. Effizient? Geht so, aber meine Zuschauer wollen unterhalten werden. Ich will das zumindest. Die irrwitzige Endgeschwindigkeit wird nach hinten schon reichen. Muss sie aber nicht. Ich brauche im Fußball auch Leichtsinnigkeiten und Fehler. Dinge zum Aufregen. Manches wird nur nach Lust und Laune ausbalanciert. Lieber 5:4 als 1:0. Samt Tor und Vorlage meiner Nummer 3. Oder welchen Namen habt ihr früher auf dem Bolzplatz gerufen?
Abräumer
Casemiro. Was für ein Drecksack. Haut eure Spieler nicht mit der authentischen Aggression eines Gennaro Gattuso um, sondern mit einem Grinsen im Gesicht. Kommt dadurch auch mit unglaublich vielem davon. Wertvoll für so einen Drecksack, der es regelrecht liebt, zu foulen. Welch eine Freude für ihn. Er kann sich das Grinsen kaum aus dem Gesicht wischen. Dafür kann er manchmal mit nach vorne pflügen und einen aus 25 Metern in den Giebel wuchten. Einen Standard einschädeln. Einen eigenen Pfiff schinden. Und natürlich auch richtig sauber dazwischengrätschen, wenn er will. Und er will schon auch. Lasst euch von diesem Grinsen bloß nicht täuschen. Dann ist es eh zu spät.
Stratege
Nils Liedholm. Kennt ihr nicht? Egal. Denkt Rodri und Toni Kroos. Zusammen. Knapp 1,90 Meter unfaire Gemeinheit. Für seine Zeit eine beachtliche Athletik, trotzdem auch punktgenaue One-Touch-Pässe unter Druck. Eigentlich das gesamte Passarsenal – in beiden Füßen. Spielte in Heimspielen für Milan angeblich mal zwei Jahre lang keinen Fehlpass. Als es dann wieder soweit war, begann das San Siro minutenlang zu applaudieren. Eine Legende? Wahrscheinlich schon. Filmisch dokumentiert ist hingegen sein Führungstreffer im WM-Finale 1958 für Schweden – gegen Pelés und Garrinchas und Didis Brasilianer. Auf typisch lässige Liedholm-Art. Ein Leuchtturm, der sich mit einer simplen Drehung irgendwie eineinhalb Sekunden Zeit verschaffen konnte. Hab ich schon Bereitschaft und Timing dieses Mannes im Zweikampf erwähnt? ‘Nisse’ war auch Defensiv-Stratege. Ja, wieder so ein langweiliger Alleskönner. Aber davon gab es im Mittelfeld einige. Nur keinen ganz mit diesem Stil wie Schwedens “Fußballer des 20. Jahrhunderts”.
Freigeist
Paul Gascoigne. Gazza. Die Überschwänglichkeit auf zwei Beinen. Es immer so gut meinen, dass auch oft etwas Schlechtes dabei herauskommt. Ich rede hier natürlich nicht nur über den Fußballer. Es einfach tun, wo das Denken nur lästig ist. Es zumindest versuchen. Klar könnte ich auch scheitern, doch wieso sollte ich das in Betracht ziehen? Allein gegen den Rest der Welt, aber gar nicht aus egoistischen Motiven. Eher aus solchen des kindlich naiven Optimismus, bis einem alles um die Ohren fliegt. Bis dahin aber ist alles so abenteuerlustig, so erfrischend, so aufregend, dass man diesem unbändigen Optimismus, dieser sicherheitsnetzlosen Überschwänglichkeit auch selbst verfällt. Fußball ist doch vor allem Träumerei. Pass für Pass, Dribbling für Dribbling, Tor für Tor. Und keiner träumte so herrlich wie Gazza.
Rechtsaußen
Diego Maradona. Der junge Diego Maradona. Noch vor der ganz großen Verantwortung, vor der ganz zentralen Rolle. Vor dem Großteil der Tritte, vor dem intelligenten Ein-Kontakt-Spiel. ‘Gambetta’ nennt sich diese Art zu dribbeln. So viele Kontakte wie möglich, wieder und wieder Haken schlagend auf den Ersten, den Zweiten, den Dritten zu. Kamikaze-Manier. Los, Diego. Tu, was dir gerade in den Sinn kommt. Und noch mal von vorn. Dafür kommen die Leute doch ins Stadion. Für Schlangenlinien durch Wälder von Verteidigerbeinen. Für Heber aus 40 Metern. Für Fallrückzieher als Flanken. Für einen zusätzlichen Spielmacher vom Flügel. Für den fähigsten Fußballer, den es bisher gegeben hat. Aber pass bitte auf deine Knöchel auf.
WIE GUT WAR DIEGO MARADONA BEI DER WM 1986?
Linksaußen
Thierry Henry. Ein Tänzer. Fred Astaire in Nike Mercurial Vapor. Höchstgeschwindigkeit in Zeitlupe. Paul Scholes sagte einmal, Henry könne an fünf Gegenspielern vorbeisprinten, ohne auch nur schwer atmen zu müssen. Paul Scholes hatte recht. Eine erhabene Erscheinung. Muhammad Ali siegessicher im Ring. Carl Lewis aufgerichtet ab der 60-Meter-Marke. Thierry Henry 36 km/h schnell joggend über einen gestutzten Rasenplatz. Über links, provozierend nah an der Seitenlinie. Und dann ab in die Mitte. Mit der Innenseite ins lange Eck. Abdrehen. Selbst beim Torjubel joggt er nur. Um ja kein bisschen Lässigkeit aufzugeben. Vielleicht ist es ein wenig eitel, den coolstmöglichen Spieler aufzustellen. Aber hier ist er nun mal. Und joggt euch davon. O² – can do.
Thierry Henry: DIE RÜCKKEHR DES KÖNIGS
Mittelstürmer
Giorgio Chinaglia. Falsche Neun? Ich verzichte. Richtiger wird es nicht. Nicht fordernder, nicht egoistischer, nicht torgeiler. Groß, stark, selbstbewusst, Chinaglia. In New York verlangte er vollmundig selbst von Pelé jeden Ball. Und wenn ‘Giorgione’ ihn bekam, dann machte er ihn in der Regel auch rein. In jeder Lage, aus jedem Winkel. Dann der Jubel. ‘Schaut her, hier bin ich. Ich, nicht die anderen.’ Wer bei mir die Nummer 9 trägt, über den soll man hinterher nicht rätseln müssen, was gewesen wäre, wenn er doch nur geschossen hätte. Ein Zuchtbullen-Oberkörper, der sich quer in die Luft legt. Da hast du als Verteidiger doch von Anfang an keine Lust mehr. Und wenn es für all diese Aussichten nur einer separaten Kabine bedarf …
Giorgio Chinaglia: EIN RIESENGROßES ARSCHLOCH
