MEINE WHAT-IF-SPIELER

Sie waren gut, mindestens. Sie hatten auch Erfolg. Und doch wäre wahrscheinlich noch so viel mehr drin gewesen, wenn nicht verpasste Chancen, Verletzungen oder noch viel schlimmere Dinge im Weg gestanden hätten. Meine elf Spieler aus der Kategorie “Was wäre, wenn”.

Bert Trautmann

“Trautmann, du Teufelskerl; Trautmann, du Fußballgott”? Deutschlands bester Torhüter spielte 1954 in England, weshalb er für die Auswahl von Bundestrainer Sepp Herberger, also auch für die WM in der Schweiz, gar nicht in Frage kam. Bitter gelaufen. Doch Fußballer des Jahres wirst du auf der Insel nicht nur, weil du dir das Genick brichst und trotzdem weiterspielst. Sowieso nicht als Torwart, gleich gar nicht als Deutscher – und schon dreimal nicht wenige Jahre nach dem Krieg. Wahrscheinlich war es am Ende goldrichtig, dass Toni Turek den Ungarn in Bern gegenüberstand und im Spiel seines Lebens das Spiel seines Lebens machte. Ein Weltmeister-Torwart Trautmann, mit allem drumherum, hätte in Deutschland aber wohl einen bis heute einmaligen Stellenwert erreicht.

Bert Trautmann: DER GRENZGÄNGER

Andres Escobar

Für ihn hätte das bittere frühe WM-Aus der so hoch gehandelten Kolumbianer im Sommer 1994 noch einigermaßen verschmerzbar sein können. Der elegante Abwehrchef, 1989 Gewinner der Copa Libertadores mit Atletico Nacional, stand nämlich vor einem Wechsel zu Champions-League-Sieger AC Mailand, wo es allmählich einen Nachfolger für Franco Baresi zu finden galt. Ob die große Ära von Capellos Rossoneri mit Escobar noch ein wenig länger angedauert hätte? Wegen seiner tragischen Ermordung haben wir es nie erfahren.

Paul McGrath

Mit 33 Jahren und schon ziemlich kaputten Beinen wurde der imposante Chancenverhinderer McGrath, im Trikot von Aston Villa, zum besten Spieler der Premier League gewählt. Ein Jahr später vollführte er bei der WM 1994 gegen Roberto Baggio und die Italiener eine “Masterclass” – das Tempo hatte etwas nachgelassen, aber das Timing? Erste Sahne! Und zu seiner Blütezeit? Da war der Ire Teil der ersten Truppe, die Alex Ferguson bei Manchester United trainierte. Doch er war auch schwerer Alkoholiker, weswegen ihn der spätere Sir – wie auch den ähnlich begabten Norman Whiteside – wohl oder übel aussortierte. Längst beteuert McGrath geläutert, wie richtig Fergusons Entscheidung damals war. Doch was hätte der Schotte da für einen “Rolls-Royce-Verteidiger” haben können. Die Villa-Fans nennen ihn bis heute einfach: “God”.

Horst Blankenburg

Noch mal ein deutscher Fall – zwar nicht von falscher Ort, aber von falsche Zeit. Gewusst, dass Ajax’ legendäre Landesmeister-Champions von 1971, 1972 und 1973 einen deutschen Libero hatten? Blankenburg hätte in dieser Zeit sicherlich auch gute Chancen gehabt, mit der Nationalmannschaft Europameister 1972 und Weltmeister 1974 zu werden – wenn da nicht Franz Beckenbauer gewesen wäre, gegen den nun mal keiner anstinken konnte. Und weil Blankenburg, als es die Überlegung gab, beide mal gemeinsam spielen zu lassen, auf einer Siegesfeier 1973 unflätig gegen Bundestrainer Helmut Schön anstank, was ein Journalist dokumentierte, blieb der gebürtige Heidenheimer ohne auch nur ein einziges Länderspiel. Ein außergewöhnliches Pech.

Duncan Edwards

Bobby Charlton, da bin ich mir relativ sicher, war der beste Fußballer, den England bisher hatte. Charlton selbst war sich noch sicherer, sich nur einem Landsmann je wahrhaftig unterlegen gefühlt zu haben. Edwards war gebaut wie ein Haus, das verheißungsvollste der “Busby Babes”, ein Tausendsassa, Box-to-box, nicht eine Schwäche in seinem Spiel. Doch dann kam diese vermaledeite Schneepiste von München, das vernichtende Unglück, der Tod mit nur 21 Jahren. Und die ewige Frage, wie großartig der großartige “half-back” noch geworden wäre.

Magico Gonzalez

Diego Maradona bezeichnete den Mann aus El Salvador als einen der zehn besten Spieler, die er je gesehen hat. Diego Maradona spielte mit Jorge Gonzalez, genannt “Magico”, 1984 auch eine Vorbereitungs-Tour lang Seite an Seite für den FC Barcelona. Magico aber erkannte das nicht als große Chance, er provozierte die Katalanen durch seine Gleichgültigkeit und wechselte lieber nach Cadiz – weil sie dort so froh waren, ihn zu haben, dass sie ihn sein exzessives Nachtleben ausleben ließen. Und das war dem WM-Teilnehmer von 1982 einfach wichtiger als eine Weltkarriere. Eigentlich schade, wenn man sich seine Highlights ansieht. Also die auf dem Platz.

Magico Gonzalez: DRIBBLINGS DURCH DIE NACHT

Vassilis Hatzipanagis

In seinem Geburtsland, der Sowjetunion, reihten sie Hatzipanagis schon als Teenager nur hinter Oleg Blokhin ein. Im Land seiner Eltern adelten sie ihn später als “griechischen Maradona”. Weil er für die sowjetische Nationalmannschaft allerdings Qualifikationsspiele für Olympia bestritten hatte, durfte er für die griechische nicht mehr auflaufen. Und weil er die sowjetische Staatsbürgerschaft zu diesem Zeitpunkt dann abgelegt hatte, auch nicht mehr für erstere. Und weil ihm ein dubioser Spielervermittler bei Iraklis einen Vertrag bescherte, der dem Verein aus Thessaloniki die Macht verlieh, den Überflieger auf ewig zu halten, konnte dieser nicht einmal zu einem besseren griechischen Klub wechseln. Geschweige denn ins Ausland. 1984 durfte “Vasia” trotzdem in einer Weltelf mitwirbeln, der hellenische Fußballverband ernannte ihn zu seinem besten Spieler des 20. Jahrhunderts. Ein verhinderter Superstar. Zumindest bei Iraklis wird er verehrt wie Gott in Neapel.

Vassilis Hatzipanagis: VERHINDERT, NICHT VERGESSEN

Eduard Streltsov

Russlands größter Fußballer war ein Torwart, Lew Jaschin. Oder? Streltsov war 21, sah aus wie James Dean und spielte ein bisschen wie Alfredo di Stefano oder Nandor Hidegkuti, als ihm im Angesicht der WM 1958 das Tor zur Fußballwelt offenstand. Doch wenige Wochen vor dem Turnier, das Pelé berühmt machte, steckte die politische Faust der Sowjetunion ihren Fußballstar jahrelang in ein Arbeitslager. Die Anklage war – am Rande einer hochrangig besuchten Festivität – Vergewaltigung. Der öffentliche Verdacht war, dass Streltsov übel mitgespielt wurde. Weil er mit der Tochter von Ekaterina Furtseva, der einzigen Frau des Politbüros, zwar flirten konnte, sie aber nicht heiraten wollte. Weil er sich über diese “Anordnung” sogar öffentlich lustig machte. Weil er sich sowieso zu westlich verhalten und geäußert hatte, nach Auslandsreisen am liebsten gar nicht mehr in die Sowjetunion zurückkehren zu wollen. Es war und bleibt alles schwammig, die Beteiligten sind inzwischen verstorben. Knapp zehn Jahre nach seinem “Verschwinden” durfte Streltsov dann ein respektables Comeback feiern, in seiner Heimat noch zweimal zum Fußballer des Jahres werden. Seine große Zeit aber wurde ihm genommen.

Rob Rensenbrink

Cruyff wäre natürlich immer Cruyff geblieben. Für mehr fehlte Rensenbrink allein die Aura. Doch vielleicht hätten sie in den Niederlanden den Mann, der zwar nicht Ajax, aber den RSC Anderlecht mit tollen Dribblings und Toren zu Europapokalen führte, auf eine Stufe mit “König Johan” gestellt. Im WM-Finale 1978, diesmal ohne Cruyff, fehlten Rensenbrink nur wenige Zentimeter zur Unsterblichkeit. In der Nachspielzeit gegen Gastgeber Argentinien traf der scheue Linksfuß beim Stand von 1:1 aber nur den Pfosten. Ein Tor in dieser Szene hätte ihn auf einen Schlag zum Torschützenkönig, zum “besten Spieler des Turniers” und zum ersten (und bis heute einzigen) Weltmeister-Macher seiner Nation gemacht. Doch der Ball sprang von der Stange zurück ins Feld – und alle drei Titel gingen in der Verlängerung an Mario Kempes.

Ronaldo

Europäischer Dreierpacker mit 17, ein erstes Mal Weltmeister offiziell auch schon. Weltrekord-Transfer mit 19, Weltfußballer mit 20, Weltmeister-Macher dann beinahe mit 21, wenn er vor dem Finale 1998 gegen Frankreich nicht zusammengebrochen und Brasilien daraufhin nicht ein Schatten seiner selbst gewesen wäre. Titelverteidigung bei der Copa America mit 22 – und die alles verändernde Verletzung mit 23. So phänomenal es bis dahin schon war, so triumphal er als veränderter Spieler mit dem WM-Titel zurückkehrte: Wie spektakulär hätte es bitte noch werden können für Ronaldo, wenn die Schiedsrichter ihn mehr geschützt hätten, wenn die Steroid-Behandlungen seinen Muskelapparat nicht eh schon überfrachtet hätten, wenn der “Berater”-Stab um ihn herum nicht so raffgierig, all der Druck als Antwort des Fußballs auf Michael Jordan nicht so gewaltig gewesen wäre …

Ronaldo: BAUERNOPFER

Josef Bican

In all diesen offiziellen und inoffiziellen Torjäger-Listen, bei denen man nie genau weiß, wie weit vorne Cristiano Ronaldo jetzt wirklich ist, taucht als Konkurrent aus einer anderen Zeit auch immer sein Name auf: Josef “Pepi” Bican. Ein pfeilschneller, eleganter und eiskalter Wunderstürmer aus den frühen Jahren der WM-Geschichte, die der in Wien geborene Sohn einer böhmischen Familie noch so viel mehr hätte prägen können. Doch bei der WM 1934, die er für Österreich spielte, war er erst 20 und stand im Schatten von Matthias Sindelar. 1938 war er noch gesperrt, weil er nun für die Tschechoslowakei spielten wollte. Und die Weltmeisterschaften 1942 und 1946, die gab es eben nicht. Es hätten seine werden können.

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2 Gedanken zu „MEINE WHAT-IF-SPIELER“

  1. Mich beschäftigt vor allem Horst Blankenburg.

    Dreimal Europapokal der Landesmeister mit Ajax, Stammspieler in einer der berühmtesten Mannschaften Europas – und trotzdem kein einziges Länderspiel, weil auf seiner Position zufällig Franz Beckenbauer stand und er später noch den Bundestrainer beleidigte.

    Das ist eine geradezu luxuriöse Form von Pech.

    Heute würde man vermutlich jahrelang darüber diskutieren, wie man zwei außergewöhnliche Spieler taktisch gemeinsam unterbringt. Damals genügte offenbar eine Kombination aus Kaiser, Siegesfeier und schlecht platziertem Satz, und eine Nationalmannschaftskarriere war erledigt.

    Vielleicht zeigen solche „What if“-Spieler vor allem eines:

    Talent braucht nicht nur Talent.

    Es braucht auch den richtigen Zeitpunkt. 🦌

  2. Bei Ronaldo verschiebt sich die Tragik noch mal – weg vom reinen Zufall (Rensenbrink), weg von der reinen Fremdbestimmung durch einen Staat (Streltsov), hin zu etwas Drittem: einem Körper, der von zu vielen Interessen gleichzeitig verheizt wurde.

    Das Perfide an Ronaldos Geschichte ist ja, dass sie sich nicht auf einen Schuldigen zuspitzen lässt. Es war nicht nur Pech – die Knie hielten nicht ewig, keine Frage. Aber es war eben auch nicht nur Biologie: ein Berater-Umfeld, das ihn vermarktete wie eine Marke, die keine Verschnaufpausen kennt; ein System, das einen 17-Jährigen zum globalen Produkt machte, bevor sein Körper überhaupt ausgereift war; ein Fußball, der im Windschatten von Jordan und der NBA plötzlich Ikonen brauchte, die rund ums Jahr liefern. Ronaldo war das erste große Beispiel dafür, was passiert, wenn Talent auf Kommerz in Vollgeschwindigkeit trifft, lange bevor Sportmedizin und Lastmanagement so weit waren, das abzufedern.

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