Das Champions-League-Finale von 2005 benötigt keine große Vorstellung, höchstens vielleicht manch greifbare Erklärung. Auf der Suche danach bin ich vor allem bei zwei taktischen Umstellungen hängen geblieben.
Champions-League-Endspiele, das “galt” jahrzehntelang als ungeschriebenes Gesetz, wurden eigentlich nicht gedreht. Seit 1970 hatten das überhaupt nur Porto (1987) und Manchester United (1999) jeweils gegen den FC Bayern geschafft, die Münchner selbst dann 2001 zumindest im Elfmeterschießen gegen Valencia. Dass sogar ein Zwei-Tore-Vorsprung mal nicht gereicht hat, war vor 2005 letztmals 1962 zwischen Real Madrid und Benfica der Fall gewesen. Und dann kam die “Nacht von Istanbul”. Mit all ihren Facetten.
Milan: Dida – Cafu, Nesta, Stam, Maldini – Gattuso (112. Rui Costa), Pirlo, Seedorf (86. Serginho) – Kaka – Shevchenko, Crespo (85. Tomasson)
Liverpool: Dudek – Finnan (46. Hamann), Carragher, Hyypiä, Traoré – Alonso – Luis Garcia, Gerrard, Riise – Kewell (23. Smicer) – Baros (85. Cissé)
Tore: 1:0 Maldini (1.), 2:0 Crespo (39.), 3:0 Crespo (43.), 3:1 Gerrard (54.), 3:2 Smicer (56.), 3:3 Alonso (60.)
1. Der Blitzstart aller Blitzstarts
Sowohl Milan als auch Liverpool drangen eher durch resiliente Defensiven ins Endspiel vor – und ausgerechnet im direkten Duell fiel schon in der ersten Minute ein Tor. AC-Kapitän Paolo Maldini – immerhin ein Verteidiger – schoss nach Andrea Pirlos Freistoßflanke per direkt genommenem Aufsetzer ein, nach genau 50 gespielten Sekunden.
Dadurch wurde nach 46 Jahren das 1:0 von Real Madrids Enrique Mateos im Landesmeister-Finale 1959 gegen Stade Reims übertroffen. Maldinis Blitzstart-Bestmarke ist bis heute gültig.
2. Das Über-Team aller Über-Teams?
Wenn man sich die Aufstellung dieser Milan-Mannschaft anschaut, könnte man meinen, es mit einer der großartigsten Selektionen in der Geschichte des Fußballs zu tun zu haben. Dabei hatte sie – typisch für ein Team von Carlo Ancelotti – durchaus zwei Seiten.
Es ging natürlich darum, die besten Spieler alle auf den Platz zu bekommen, worunter dann eben beispielsweise die Raumaufteilung zu leiden hatte. Viel Breite bekam dieses Milan auf “natürliche” Weise nicht ins Spiel. Darüber hinaus war es ohne den klaren taktischen Plan freilich viel auf die Form und die Synergien der tollen Einzelkünstler angewiesen, was einerseits dafür sorgte, dass die Rossoneri in diesen Jahren nur eine Meisterschaft gewannen. Oder dass sie im Viertelfinale 2004 nach einem 4:1-Hinspielsieg mit einem 0:4 bei Deportivo La Coruna noch aus der Champions League flogen, was ihnen im Halbfinale 2005 gegen die PSV Eindhoven fast ähnlich passiert wäre.
Andererseits war diese Elf aber natürlich zu fantastischen Auftritten fähig, wozu das CL-Finale 2005 über weite Strecken zählt. Spieler wie Alessandro Costacurta behaupten sogar, dass das ihre beste Leistung in einem Endspiel um den Henkelpott war, noch besser als das 4:0 im Endspiel von 1989 gegen Steaua Bukarest oder das 4:0 im Endspiel von 1994 gegen den FC Barcelona.

3. Mut wird bestraft
So, weiter im Spiel.
Das 3:0 als Pausenstand war vielleicht ein Tor zu deutlich, aber sicherlich kein Versehen. Im ersten Durchgang wurde Liverpool von Milan vorgeführt, hatte eigentlich in keiner Weise Zugriff – oder einen Auftrag. Vor allem im Zentrum machte der Außenseiter keinen Stich. Reds-Trainer Rafa Benitez war allerdings nicht zu vorsichtig, sondern zu mutig gewesen, wie er später mehrfach erklärte.
Benitez’ Plan war es nämlich, Milan durch einen besonders aktiven und offensiven Ansatz zu überraschen und zu beschäftigen. Durch ein 4-1-3-1-1 sollte das Zentrum eigentlich geflutet werden, gleichzeitig sollten die äußeren Mittelfeldspieler mit den Außenverteidigern 2-gegen-1-Situationen gegen Milans Außenverteidiger erzeugen. Doch einerseits waren dieser Plan und das Liverpooler Selbstvertrauen durch Milans Führung in der ersten Minute erst einmal hinfällig. Andererseits hatte Benitez seinem Kader zu viel zugetraut.
Weil die Außenverteidiger Steve Finnan und Djimi Traoré von den nach außen orientierten Läufen der Mailänder Stürmer Andriy Shevchenko und Hernan Crespo hinten gepinnt wurden und sie offensiv ohnehin nicht potent genug waren, mussten mehr die Mittelfeldspieler Luis Garcia und John Arne Riise für Liverpools Breite sorgen. So gelang deren balanciertes Pendeln zwischen innen und außen nicht – prompt hatte Milan in der Mitte Überzahl. In der Folge wurde Steven Gerrard, der Xabi Alonso vor der Abwehr gegen Kaka sporadisch helfen sollte – Benitez hatte sich gegen den defensiven Mittelfeldspieler Didi Hamann entschieden -, durch seinen defensiven Auftrag gegen den Brasilianer so eingeschränkt, dass er offensiv kaum zur Geltung kam.
Die Kirsche auf dieser sehr bitteren Sahnetorte war dann der Auftritt seiner hängenden Spitze Harry Kewell, die Benitez völlig überraschend aufgestellt hatte. Der Australier konnte seine Mission, Milans Verteiler Pirlo zu stören, erst überhaupt nicht erfüllen, dann musste er schon nach 22 Minuten angeschlagen ausgewechselt werden. Viel übler hätte der erste Abschnitt für Benitez und Liverpool nicht laufen können.
4. That Pass
Von einem Showdown, der mit Highlights wirklich nicht geizte, war mein liebstes wahrscheinlich Kakas unfassbarer Steilpass vor Crespos 3:0. Absolute Extraklasse. Ich bin mir gerade nicht sicher, ob mich irgendein anderer Pass aus der Geschichte des Fußballs ähnlich begeistert. Und das auf dieser Bühne.
Trotz dieses Geniestreichs war das Endspiel von 2005 kein großes Kaka-Finale, was sicherlich auch daran lag, dass Liverpool defensiv so ein spezielles Augenmerk auf ihn legte. Und doch blitzte in ein paar entscheidenden Momenten – etwa durch eine Drehung samt Tunnel gegen Alonso – die Schönheit des klassischen Zehners auf, der genau für diese Momente auf dem Rasen stand. In Ancelottis 4-3-1-2 – zuvor bei Juventus Turin in Person von Zinedine Zidane – fand er noch bis in die 2000er Jahre hinein statt. Eine Augenweide, wenn Kaka gerade im Umschaltspiel beschleunigte. Sein Tempo war eigentlich sogar seine größte Waffe – und kaum zu verteidigen.
5. Umstellung #1
0:3 zur Pause – Benitez musste handeln. Das tat er auch, und er tat es gut. Liverpools Trainer stellte um.
Aus seinem nicht ganz klaren 4-1-3-1-1 mit einem Gerrard, der zwischen mehreren Rollen verloren war, wurde ein simpleres 3-4-2-1, das Liverpools Kapitän offensiv freisetzte. Benitez wollte eigentlich den wackligen Linksverteidiger Traoré auswechseln, um in Hamann einen defensiven Mittelfeldspieler zu bringen. Als er jedoch erfuhr, dass Rechtsverteidiger Finnan angeschlagen war, traf es eben diesen.
Die Reds spielten nun also mit Dreierkette, was den Aufbau gegen Milans zwei Stürmer deutlich erleichterte. Davor hatte Alonso durch Hamann eine kompetentere Unterstützung gegen den sofort blasseren Kaka, mit dem sich Gerrard jetzt nicht mehr beschäftigen musste. Mit vorgeschobenen “Wing-Backs” (Vladimir Smicer und Riise) bespielte der LFC fortan endlich vernünftig die Außenbahnen, die bei Milan jenseits von Cafu und Maldini vakant waren. Und weil Mittelfeldspieler Smicer mit Ball weiterhin zentraler spielte, hatte Liverpool dort nun nicht nur Gleichzahl, sondern teilweise sogar Überzahl hergestellt. Was für ein Turnaround, der sich direkt bemerkbar machte. Nahezu ansatzlos war der Underdog auf Augenhöhe.
6. Dreimal Tor, keinmal Zufall
Von 0:3 auf 3:3, binnen sechs Minuten und 48 Sekunden. Erst recht in dieser Konstellation, in einem entschieden geglaubten Spiel, war es einfach surreal. Und doch war Liverpools “Dreifachschlag” als Folge von Benitez’ Anpassungen ziemlich erklärbar.
Beim ersten Tor ließ sich Milan vom auf einmal befreiten Gerrard überrumpeln. Während sich die Innenverteidiger Jaap Stam und Alessandro Nesta um Garcia und Milan Baros kümmerten, nahm kein Mailänder den nach vorne stoßenden Kapitän der Reds auf, der sich ungestört hochschrauben und den Ball einköpfen konnte. Sein schlecht verteidigter Tiefenlauf sechs Minuten später sorgte dann für den Elfmeter, den Alonso im zweiten Anlauf verwerten konnte. Zwei der drei Tore entstanden quasi durch das Vorschieben und von der Leine lassen der Identifikationsfigur.
Der “mittlere” Treffer fußte hingegen auf der neu gewonnenen Überzahl im Mittelfeld. Die plötzlich ungleich größere rote Präsenz drückte die in Weiß spielenden Mailänder weiter an den eigenen Strafraum zurück – und den einrückenden Smicer konnte ein paar Meter weiter hinten somit keiner mehr decken. Oder zumindest unter Druck setzen. Nach Hamanns Querpass jagte der vielseitige Tscheche das Runde aus 22 Metern ähnlich unbehelligt ins Eckige wie kurz zuvor Gerrard. Und das in seinem letzten Spiel für den Verein. Wobei Dida ein wenig “mithalf”.
In der 60. Minute war jedenfalls alles wieder offen.

7. Umstellung #2
Der ursprünglich von Arrigo Sacchi geprägte Ancelotti – heute kaum mehr vorstellbar – war einst ein so fanatischer Taktiker, dass er als Parma-Trainer 1997 Roberto Baggio ablehnte. Weil dieser nicht in seine rigide Formation passte. 2005 befand sich “Don Carlo” vielleicht auf halber Strecke zu seiner späteren Version: Die Stars durften und sollten das Spiel schon selbst machen, aber eine clevere taktische Umstellung kam zur Verlängerung auch von seinem Trainerteam.
Wenige Minuten nach der Einwechslung von Linksaußen Serginho für Clarence Seedorf, wohl um Smicer zu beschäftigen, spiegelte Milan die Liverpooler Formation größtenteils: Auch der Favorit stellte auf Dreierkette um. Im 3-4-1-2 war die AC gleich kompakter, was für die erneute Vorherrschaft im Mittelfeld ebenso half wie der Serginho-Kniff. Und weil der Brasilianer auf dem Flügel den positionsfremd eingesetzten Smicer gefährdete, musste wiederum Benitez schnell reagieren: Der Spanier stellte in der Verlängerung ausgerechnet Gerrard als rechten Wing-Back auf, der seinen Job gegen Serginho ziemlich gut machte. Seine Präsenz im Mittelfeld wurde aber natürlich schmerzlich vermisst.
War das Finale von der 61. bis zur 90. Minute an sich sehr ausgeglichen gewesen – auch wenn selbst da schon lediglich Milan gute Chancen hatte -, gaben in der Verlängerung, durch die zweite nennenswerte Umstellung, wieder ganz klar die Rossoneri den Ton an. Hätte es vor dem Elfmeterschießen einen verdienten Sieger geben können, wären sie es gewesen.
8. Dudek?!
Dass Liverpools Torhüter Jerzy Dudek zu einem der großen Helden von Istanbul avancierte, hatte sich alles andere als abgezeichnet. Der Pole, den die Reds wenig später durch Pepe Reina ersetzten, strahlte über weite Strecken des Endspiels große Unsicherheit aus.
Zwar konnte man ihm keinen der drei Gegentreffer großartig ankreiden, in anderen Szenen jedoch hätte er Liverpools Lage beinahe noch verschlechtert. Nur wenige Minuten nach dem 3:3 “klärte” er etwa eine Hereingabe völlig fahrig vor die Füße Shevchenkos, woraufhin Dudek sich ausgerechnet beim schwachen Traoré bedanken konnte, der auf der Linie gerettet hatte. Auch wenn der Ball womöglich gar nicht reingegangen wäre.
Erst in der 118. Minute vermochte Dudek den Schalter mit einer sensationellen Doppelparade gegen Shevchenko umzulegen, wodurch er im Elfmeterschießen wahrscheinlich mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein auftreten konnte.
9. Wo stehen die Spaghetti-Beine?
Kurz vor der viel zitierten Lotterie vom Punkt kam es zu einer der berühmtesten Szenen der “Nacht von Istanbul”. Der starke Jamie Carragher redete wild gestikulierend wie ein Besessener auf Dudek ein, weil er – damals noch Everton-Fan – sich an Liverpools Endspiel von 1984 erinnerte. Im Elfmeterschießen gegen die Roma hielt Bruce Grobbelaar damals zwar keinen Strafstoß, seine kuriosen Bewegungen auf der Linie sollen Bruno Conti und Francesco Graziani aber zum Verschießen gebracht haben. Gut möglich.
Ob nun “wobbly knees” oder “spaghetti legs”: Die Grobbelaar-Moves zeigte Dudek nur vor einem Mailänder Versuch, ansonsten war eine Art seitlicher Hampelmann seine ganz eigene Variante, die bekanntlich zum Erfolg führte. Ein noch bedeutsamerer Kniff war aber, dass Dudek seine Linie kurz vor den Schüssen der Milan-Spieler stets um ein, zwei Meter verließ, was sein Pendant Dida nicht tat und was heute natürlich nicht mehr möglich wäre. 2005 kam der Pole damit durch – und wurde zum Helden.
10. Ausgerechnet
Im Elfmeterschießen des Champions-League-Endspiels von 2003 gegen Juventus hatte Serginho Milans ersten Strafstoß souverän links oben verwandelt. Diesmal jagte er die Kugel links oben drüber. Und Shevchenko, der zwei Jahre zuvor den entscheidenden Versuch getroffen hatte, scheiterte 2005 bei genau diesem. Ausgerechnet.
Ein Trost für Ancelotti und die Mailänder: Abermals zwei Jahre später, wenn auch ohne Serginho und Shevchenko, sahen sie Liverpool im CL-Finale 2007 wieder – und revanchierten sich. Hach, Fußball.
