Mourinhos Chelsea, 2004/05: ZEHN ERKENNTNISSE

Zur Saison 2004/05 wechselte Champions-League-Sieger José Mourinho vom FC Porto in die Premier League, um den neureichen FC Chelsea endlich zu großen Erfolgen zu führen. Es gelang auf Anhieb – und zwar so.

1. Die nackten Zahlen

Mit dem “Special One” wurde es, ein Jahr nach Chelseas Vizemeisterschaft unter Claudio Ranieri, sofort historisch. Seine ersten Blues brachen auf dem Weg zur Debüt-Meisterschaft 2004/05 mehrere Premier-League-Rekorde, darunter den für die Punkteausbeute. Die 95 Zähler stellten Sir Alex Fergusons Bestwert (90) direkt in den Schatten und wurden erst 13 Jahre später von Pep Guardiolas Manchester City (100) übertroffen, dessen Rekord bis heute gilt.

Chelseas Marken 25 Ligaspiele ohne Gegentor sowie lediglich 15 Gegentreffer insgesamt sind dagegen weiterhin Spitze. Doch Mourinho mauerte nicht nur. Chelseas 29 Liga-Siege bedeuteten damals ebenfalls Rekord, die 72 Liga-Tore waren hinter Arsenal (87:36) zweitbester Wert. Fergusons United schloss die Spielzeit übrigens mit einer Tordifferenz von 58:26 auf Platz drei ab.

2. Didier oder nix

Quasi gemeinsam mit Mourinho kam im Sommer 2004 der damals 26 Jahre alte Didier Drogba an die Stamford Bridge. Drogba hatte für Olympique Marseille zuvor in Ligue 1 und UEFA-Cup reichlich getroffen, einen Weltklasse-Torjäger mit Potenzial zum Unterschiedsspieler auf höchstem Niveau hatten wohl trotzdem nur die wenigsten in ihm gesehen.

Für Mourinho hingegen war die Sache klar. Der Portugiese wollte den Ivorer unbedingt, machte ihn mit damals rund 30 Millionen Euro Ablöse sowohl zum Rekordtransfer des Klubs als auch zum teuersten Stürmer des englischen Fußballs – und tätigte daraufhin eine denkwürdige Aussage: “Urteilt nicht jetzt über ihn, wo er zum Klub stößt, sondern dann, wenn er ihn wieder verlässt.” Das ist sich für den Special One bekanntlich ausgegangen.

3. Route One

Chelseas Champions-League-Held von 2012 häufte in seiner ersten Saison in 41 Pflichtspielen zwar “nur” 16 Tore an, was einerseits auch an einer Bauchmuskelverletzung lag und andererseits durchaus kritisiert wurde. Aber Drogba brachte weit mehr mit als Tore. Für Mourinhos Spielidee wurde der ziemlich ballfertige Sturmtank zu einem Schlüsselspieler.

In Ballbesitz zählte die gute alte “Route One” – die traditionell englischen langen Bälle auf den Mittelstürmer – zu Chelseas spielerischen Grundpfeilern, weil Drogba es vermochte, die Kugel auf diese Weise nicht nur stark festzumachen, sondern auch wunderbar weiterzuleiten. Etwa auf die Flügelspieler und ganz besonders auf den nachrückenden Frank Lampard. Zu Drogbas 16 Toren kamen somit auch noch acht Vorlagen – wobei das nur die direkten Assists einschließt.

Die Schlüsselspieler in Chelseas Offensive: Didier Drogba und Frank Lampard. – Bild: metro.co.uk

4. Drei gegen zwei

Dass Mourinhos Chelsea die Premier League nicht nur vor ein kaum überwindbares Bollwerk stellte, sondern ihr auch offensiv einen Schritt voraus war, hatte nicht nur Gründe, mit denen sie auf der Insel vertraut waren. Ein ganz wesentlicher bereitete den meisten der nationalen Konkurrenten große Probleme.

Während in England Mitte der 2000er Jahre noch hauptsächlich 4-4-2 gegen 4-4-2 gespielt wurde, traten die Blues im 4-3-3 an, was ihnen im Zentrum eine sehr vorteilhafte Überzahl bescherte. Weil die tiefe Rolle vor der Abwehr von einem so spielintelligenten Mann wie Claude Makelele besetzt wurde und Lampard als vorderster Mann des Trios sehr umtriebig war, gewann Chelsea auf diese Weise oft die Oberhand.

Überdurchschnittliche und daher auch vielseitigere Mannschaften wie Manchester United konnten die “kontinentale” Formation dann zwar auch spiegeln. Doch gerade 2004/05 hatte Mourinho dadurch erst mal einen gewaltigen Trumpf.

5. Schwachstellen

Gerade im Offensivbereich, wo es in der entscheidenden Phase vor allem Arjen Robben erwischte, hatte Chelsea 2004/05 durchaus Verletzungspech. Dort konnten die Blues das aber ziemlich gut abfangen. Hinten sah es anders aus.

Jenseits des überragenden Innenverteidiger-Duos John Terry und Ricardo Carvalho konnte etwa Robert Huth dieses Level nicht halten, für Ersatz-Rechtsverteidiger Glen Johnson galt das ebenso. Stamm-Linksverteidiger William Gallas war eigentlich innen beheimatet und konnte sich als Rechtsfuß auf der linken Seite im Spiel nach vorn kaum mal durchsetzen. Dafür, dass Chelseas Defensive nur unfassbare 15 Liga-Gegentore zuließ, hatte sie in der Verteidigung tatsächlich relativ viele Schwachstellen. Doch im Verbund klappte das alles wunderbar.

6. Lampard

Der herausragende Spieler dieser Mannschaft war der 26-jährige Frank Lampard. Der Engländer war im Dreier-Mittelfeld der offensivste Part, der in Teilen als offensiver Spielmacher auftrat, vor allem aber als nachrückender zweiter Stürmer mit brutaler Dynamik und extremer Torgefahr.

Ein üblicher und kaum zu verteidigender Blues-Angriff bestand damals aus einem langen Ball auf Drogba, der diesen für Lampard auflegte. Und dieser sorgte dann für die vorletzte oder eben letzte Aktion. Wahrscheinlich die beste Saison seiner Karriere, beim Ballon d’Or musste Lampard lediglich dem besten Ronaldinho überhaupt den Vorzug lassen. Und das heißt schon was.

7. Unenglisch

Während die Blues in der Champions League gegen Barcelona oder Bayern doch recht schamlos mauern und kontern konnten, waren es im Liga-Alltag mehr die spielerischen Elemente, mit denen “Mou” die “Prem” knackte. Gerade gegen ManUnited im Old Trafford fiel die Fähigkeit auf, den Ball auch mal geduldig in den eigenen Reihen laufen zu lassen, dadurch das Spieltempo zu bestimmen und den Gegner somit aus dem Rhythmus zu bringen, ihn einzuschläfern und auseinanderzuziehen. So, wie Mourinho das aus Portugal und Spanien kannte.

Selbst Fergusons United war anzumerken, dass die viel direkter denkenden englischen Mannschaften damit etwas überfordert waren. Mourinhos Chelsea brachte einfach ein paar Elemente mit auf die Insel, die viele Teams dort erst adaptieren mussten.

8. Die Brücke der Macht

Etwas mehr als drei Jahre dauerte Mourinhos erste Amtszeit an der Stamford Bridge, wo er in dieser Periode KEIN EINZIGES Liga-Heimspiel verlor. Dieses Kunststück ist dem Special One übrigens auch in seinen zwei Jahren bei Inter Mailand gelungen. Insgesamt verlor Mourinho 150 Liga-Heimspiele in Folge nicht, was natürlich auch an Chelseas Seitenlinie ein wichtiger Erfolgsfaktor war.

Mourinhos Serie, die 2002 in Porto begonnen hatte, endete erst als Trainer von Real Madrid im April 2011. Beim 0:1 gegen Gijon hatte er allerdings auf Cristiano Ronaldo, Karim Benzema, Xabi Alonso oder Marcelo verzichten müssen.

9. Der Pasillo

Die Krönung einer beachtlichen Debüt-Saison erlebte Mourinhos Chelsea ausgerechnet bei Platzhirsch Manchester United, wo es mit einigen Ergänzungsspielern trotzdem noch mal 3:1 gewann. Das Gastspiel im Old Trafford war das erste, seit die Blues die Meisterschaft eingetütet hatten – und so zwang die Sitte die Red Devils quasi, dem neuen Champion im eigenen Stadion Spalier zu stehen. Roy Keane und Co. hatten sichtlich keinen Spaß dabei.

Mehrere United-Spieler verrieten seither, dass Trainer Ferguson an diesem Moment Gefallen fand, weil seine Profis durch den besonders unangenehmen Schmerz motiviert werden sollten.

Nachdem Mourinho und Chelsea die Meisterschaft 2005/06 verteidigten, waren 2006/07 dann wieder “Fergie” und United dran – und Chelsea, so wollte es der Spielplan, tatsächlich mit einem sogenannten “Pasillo”. Ferguson machte sich erneut einen Spaß daraus und ließ etliche Ersatzspieler der eher schon dritten Garde durch Chelseas Beifall-Gasse schreiten. Revanche geglückt.

10. Die Geister, die ich rief

Die Meisterschaft wurde 2004/05 in souveränster Manier eingefahren, die ganz große Krönung blieb Mourinhos ersten Blues hingegen verwehrt. Im Halbfinale der Champions League gegen den FC Liverpool machte das berühmt-berüchtigte “Ghost Goal” Luis Garcias den Unterschied, von dem The Special One bis heute sagt, dass es gar kein Tor war. Dass der Ball die Linie nicht (vollständig) überquert hat. Wegen des Zeitpunkts vor der Ära der Torlinientechnik bleibt diese Frage wohl auf ewig unbeantwortet.

Nach ein paar glücklichen Abseits-Situationen und mehreren destruktiven Auftritten auf internationalem Parkett bis zu diesem Punkt hatte Chelsea sein Glück vielleicht ausgereizt. Einerseits war das ein bisschen schade, weil Mourinhos wahrscheinlich stärkstes Chelsea gegen Carlo Ancelottis Milan ein ziemlich spannendes CL-Finale geworden wäre. Andererseits hätten wir dann natürlich das großartigste von allen verpasst.

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