Niederlande 1, Deutschland 2 (1974): ZEHN ERKENNTNISSE

1974 wurde die Bundesrepublik Deutschland im eigenen Land Weltmeister – und die legendären niederländischen “Totalfußballer” nicht. Was im Finale von München den Unterschied machte.

Die niederländische Nationalmannschaft von 1974 gilt als eine der besten überhaupt – durch die WM in der Bundesrepublik aber auch als eine der besten, die nie Weltmeister wurden. Zunächst hatte zwar alles danach ausgesehen, als würde auch der Gastgeber den großen Johan Cruyff und Oranje nicht stoppen können, doch vielleicht war genau das das Problem – wie auch, dass Franz Beckenbauer und Co. den ersten deutschen Weltmeistern von Bern gerecht wurden. Von strittigen Elfmeter-Entscheidungen, dem Beitrag des Günter Netzer und der Frage nach dem Glück.

Niederlande: Jongbloed – Haan – Suurbier, Rijsbergen (68. de Jong), Krol – Neeskens, Jansen, van Hanegem – Rep, Cruyff, Rensenbrink (46. R. van de Kerkhof)

Deutschland: Maier – Beckenbauer – Vogts, Schwarzenbeck, Breitner – Hoeneß, Bonhof, Overath – Grabowski, Müller, Hölzenbein

Tore: 1:0 Neeskens (2., FE), 1:1 Breitner (25., FE), 1:2 Müller (43.)

1. Mit VAR …

… hätte Oranje an der WM 1974 womöglich gar nicht teilnehmen dürfen. Denn im letzten Qualifikationsspiel gegen Belgien, das das Endturnier verpasste, ohne in der Quali ein Gegentor kassiert zu haben, bekamen die Niederlande in den Schlussminuten eines. Es war völlig regulär. Doch der Schiedsrichter, davon profitierte Oranje durch seine aggressive Abseitsfalle immer wieder, hatte eine Abseitsstellung erkannt, die gar keine war – somit endete das Spiel 0:0.

Hätten die Belgier gewonnen, wären sie im Sommer 1974 in die Bundesrepublik gefahren – und nicht der Nachbarstaat, der die Fußballwelt aus den Angeln heben sollte.

2. Totaler geht’s nicht

Rinus Michels’ “Totalfußball”, dessen in vielen Augen bemerkenswertestes Merkmal es war, dass die Spieler ständig die Positionen tauschen konnten – was sie auch, wenn auch nicht jeder mit jedem, immer wieder taten -, trieb das Spiel ein ganzes Stück weiter in Richtung Moderne. Alle stürmten, alle verteidigten, ein jeder Spieler konnte alles – fast.

Das treffendste Beispiel lieferte gleich in der ersten Minute des WM-Finals der nominelle Mittelstürmer Cruyff, indem er den Ball im Stile eines Liberos ganz hinten abholte und tatsächlich als tiefster Spieler seiner Mannschaft ein Dribbling startete, an dessen Ende er den Elfmeter zur frühen Führung herausholte. Eine solche Aktion auf der Gegenseite von Gerd Müller: unvorstellbar.

Hoeneß grätscht, Cruyff fliegt. Schiedsrichter Taylor hat beste Sicht und entscheidet: innerhalb. – Bild: nzz.ch/sport

3. Kein Versehen

Johan Neeskens, dem Elfmeterschützen seiner Mannschaft, wird immer wieder nachgesagt, dass er durch seinen verwandelten Strafstoß im Finale 1974 versehentlich den Trend ausgelöst und die Möglichkeit aufgezeigt hat, (wichtige) Elfmeter einfach in die Mitte zu schießen. Weil sich der Torwart in der Regel ja für ein Eck entscheidet.

Ganz so war es allerdings nicht. Zwar trat Neeskens bei seinem Strafstoß ein bisschen in den Boden – jede Menge weißer Elfmeterpunkt-Kreide wirbelte auf -, aber nun auch nicht so, dass die Flugbahn des Balles komplett verändert wurde. Schon vor dem Finale hatte Neeskens bei der WM 1974 außerdem mehrere Elfmeter geschossen und dabei stets viel Wucht und eine gewisse Höhe gewählt, weniger hatte er auf die sichere Platzierung in ein Eck gesetzt. Neeskens’ etwas ungewöhnliche Herangehensweise vom Punkt hatte also Methode – und Erfolg.

4. Zu früh gefreut?

Noch ehe ein Deutscher den Ball berührt hatte, gingen die Niederlande im WM-Finale 1974 in Führung – und vielleicht war das gar nicht so gut für Oranje. In einem mäßig schwerwiegenden Vorrunden-Spiel, in dem man befreiter hätte aufspielen können, hätte die Elftal vielleicht auch die Bundesrepublik vorgeführt. Doch die Größe des Spiels am 7. Juli 1974 und dessen Verlauf kamen Cruyff und Co. alles andere als entgegen.

Schon nach zwei Minuten hatten die Niederländer in einem WM-Finale eine Führung zu verwalten, was sie zunächst ungewöhnlich verhalten taten. Mehr abwartend als arrogant, wie oft zu lesen ist. So fanden sie kaum zu ihrem eigenen aktiven Spiel, was ihnen zum Verhängnis wurde: zunächst dadurch, dass Deutschland das Spiel machen und ausgleichen konnte, anschließend dadurch, dass die Helmut-Schön-Elf in der Folge am Drücker blieb und noch vor der Pause sogar in Führung ging.

Weil Oranje zwischen den deutschen Toren in der 25. und 43. Minute nicht entscheidend aufdrehen und das Blatt wenden konnte, lief man nach der Pause also einem Rückstand hinterher – gegen eine Mannschaft, die es verstand, ihre Führung zirka ab der 55. Minute tiefstehend zu verteidigen und gelegentlich unangenehm zu kontern. Auch das spielte nicht der Elftal in die Karten.

5. Gegenmittel made in Germany

Dass Abläufe und Abstimmung in dieser niederländischen Nationalmannschaft nicht so eingespielt sein konnten wie in Michels’ Ajax-Team, ist logisch – und wurde beim Weltturnier 1974 besonders in den beiden Spielen gegen deutsche Mannschaften deutlich. Während die anderen niederländischen Gegner – Uruguay, Schweden, Bulgarien, Argentinien und Brasilien – mal besser, mal schlechter auf eine raumorientierte Deckung setzten, deckte vor allem die DDR, aber auch die Bundesrepublik mannorientiert. Damit hatte die Elftal Probleme.

Besonders die ausgeprägte Bewachung von Schlüsselspieler Cruyff – durch Konrad Weise und Berti Vogts -, auf dessen Ideen und Impulse die Totalfußballer enorm angewiesen waren, störte den niederländischen Angriffsfluss gewaltig. Die Manndeckung war ein Gegenmittel gegen die Niederländer von 1974. Genauso wie Franz Beckenbauer ein Gegenmittel gegen Oranjes große Stärken gegen den Ball war: gegen das intensive Pressing (bei Ballannahme) und Gegenpressing.

Weil Beckenbauer, der größtenteils für den westdeutschen Spielvortrag bis in die gegnerische Hälfte verantwortlich war, durch seine intelligenten Finten, Dribblings und Pässe in die von den Niederlanden entblößten Räume eine sehr hohe Pressingresistenz ausstrahlte, versuchten es Neeskens und Co. meistens gar nicht erst. Und waren ihres vielleicht größten Trumpfes beraubt.

WIE GUT WAREN DIE NIEDERLANDE BEI DER WM 1974?

6. Was ist eine Schwalbe?

Die Niederlande gingen früh durch einen Elfmeter in Führung, Deutschland glich nach 25 Minuten – dem Spielverlauf völlig angemessen – durch einen Elfmeter aus. Doch hätte es ihn – beim Strafstoß für Oranje gibt es die endlose Diskussion, ob Uli Hoeneß Cruyff auf der Strafraumlinie foulte oder davor – überhaupt geben dürfen? Bernd Hölzenbein, der ihn gegen Wim Jansen herausgeholt hat, wird seit Jahrzehnten eine Schwalbe nachgesagt. Doch was ist eine Schwalbe überhaupt?

Eine Schwalbe ist eine Täuschung, ein Fallen ohne Not. Eine Schwalbe kann es auch trotz eines Kontaktes geben – weil nicht jeder Kontakt unweigerlich für ein Fallen sorgt. Zweifelsfrei ist festzustellen, dass Jansen nicht den Ball traf, sehr wohl aber Hölzenbeins Fuß. Schwer zu klären bleibt eben die Frage, ob der Frankfurter nicht schon vor dem Kontakt freiwillig abhob. War es nun eine Schwalbe oder ein elfmeterwürdiges Einsteigen? Wahrscheinlich war es beides.

7. Rainer van Bonhof

Ein Mittelfeldspieler löst sich plötzlich durch einen dynamischen Tiefenlauf in den Halbraum Richtung Grundlinie, wird steil bedient und gibt gefährlich nach innen: Das ist eine der regelmäßigsten und vielversprechendsten Angriffsschablonen der niederländischen Mannschaft von 1974. Zumindest aus deutscher Sicht ist es amüsant, dass Rainer Bonhof genau so das 2:1 durch Gerd Müller vorbereitete, das den Traum der Totalfußballer am Ende platzen ließ.

Natürlich Bonhof, ist man geneigt zu sagen. Die ersten 17 Jahre seines Lebens hatte er nur die niederländische Staatsbürgerschaft besessen.

8. Vogts’ Werk und Netzers Beitrag

Günter Netzer, großer General beim deutschen EM-Triumph 1972, erlebte bei der Heim-WM 1974 gerade einmal 20 Minuten auf dem Rasen: die vermaledeite Schlussphase beim 0:1 gegen die DDR. So betont der ehemalige Spielmacher, der damals nach seinem ersten Jahr bei Real Madrid körperlich nicht gut in Form war, sich gar nicht als Weltmeister zu fühlen – und auch nicht so bezeichnet werden zu wollen.

Tatsächlich hat Netzer, zumindest auf dem Platz, nahezu nichts zum zweiten deutschen WM-Titel beigetragen, doch in einem Trainingsspiel kurz vor dem Finale wurde der Mann, der mit seinem Kölner Rivalen Wolfgang Overath einfach nicht gemeinsam funktionierte, doch noch wichtig: Netzer sollte Cruyff spielen, mit dessen Spielweise und Bewegungen, damit Berti Vogts, der auf Cruyff angesetzt wurde, schon mal seine Erfahrungen machen konnte.

Netzer spielte den Cruyff allerdings so gut, dass Vogts nach dem Abschlussspiel ganz demoralisiert und verunsichert, dadurch aber bestens auf die anstehende Aufgabe vorbereitet war. “Mach dir keine Sorgen, Berti, so gut wie ich heute kann der Cruyff gar nicht spielen”, soll Netzer den “Terrier” aufgebaut haben.

9. Glück?

“Beim ersten Mal war’s ein Wunder, beim zweiten Mal war’s Glück”, sangen die Sportfreunde Stiller in ihrem WM-Hit – besonders Fußball-Ästheten schließen sich gerne an. Weil die insgesamt vermeintlich bessere Mannschaft das WM-Finale 1974 verloren hat.

Natürlich war es irgendwo ärgerlich und bitter, dass einige Hereingaben und Abschlüsse der Niederländer ausgerechnet im großen Endspiel nicht so genau kamen wie sonst; dass Maier im deutschen Tor oder Beckenbauer davor so einen guten Tag erwischten.

Aber war das Glück für Deutschland – oder nicht vielmehr Können? Und Unvermögen der Elftal? Glück hatte definitiv eher sie, gleich zweimal ganz besonders: Nach einer knappen Stunde schoss Müller eigentlich das 3:1 für die Bundesrepublik, die Entscheidung Abseits war weit gefehlt. Und ein paar Minuten vor Schluss hätte Hölzenbein im Konter gegen Jansen einen weiteren Elfmeter bekommen müssen, der noch viel eindeutiger war als der erste. Doch Schiedsrichter Jack Taylor traute sich nicht.

10. Bern reloaded

Die beiden womöglich besten WM-Mannschaften, die nie Weltmeister wurden, scheiterten im Finale an Deutschland. 1954 die vermeintlich unbesiegbaren Ungarn, 20 Jahre später die niederländischen Totalfußballer. Auch wenn die jeweiligen deutschen Mannschaften und die Arten und Weisen ihrer Triumphe größtenteils unterschiedlich wahrgenommen werden, gab es doch einige entscheidende Parallelen auf dem Weg zum Erfolg.

In der Defensive gesellte sich zum effektiven Aus-dem-Spiel-Decken der gegnerischen Schlüsselspieler (Liebrich gegen Puskas und in Teilen Eckel gegen Hidegkuti 1954, Vogts gegen Cruyff 1974) eine herausragende Torhüter-Leistung, offensiv tat Deutschland den Favoriten mit starker Körperlichkeit bei dynamischen, geradlinigen Umschaltangriffen weh. Hohe Einsatzbereitschaft und Wirksamkeit in den entscheidenden Momenten taten ihr Übriges, die traditionell deutsche Herangehensweise war gegen spielerisch fortschrittliche Übermannschaften beide Male erfolgreich. Wobei 1954 deutlich mehr Glück nötig gewesen war.

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