Norman Whiteside: ALMOST GENIUS

Nach George Best war Norman Whiteside der beste Fußballer, den Nordirland bisher hervorbrachte. Wie eines der Wunderkinder schlechthin Pelés WM-Rekord brach, warum Alex Ferguson ihn aussortierte und wieso er sein letztes Spiel schon mit 25 machte.

Norman war einer dieser Jungs, die dich, als ihr zwölf wart, um eineinhalb Köpfe überragten und die gefühlt schon bei den Erwachsenen mitspielen konnten. Ein “Manchild”, wie manche dazu sagen. Und weil er seine körperliche Überlegenheit schelmisch grinsend vollständig ausspielte, während er an Belfasts berühmter Shankill Road aufwuchs, machte sich der hochtalentierte Whiteside bald als “Shankill Skinhead” einen Namen. Um Gottes Willen, Norman trug keine Glatze. Aber ziemlich aggressiv spielte er schon.

Gleichzeitig war er aber auch der leibhaftige Beweis, dass es nicht (nur) auf die Größe ankommt. Trotz seiner eindrucksvollen Statur glänzte der ballfertige Linksfuß nämlich besonders durch eine außergewöhnliche Übersicht und die berühmte Gabe, Situationen und ein Spiel lesen zu können. Gleichaltrigen war er in jeder Hinsicht überlegen.

Der Shankill Skinhead spielte Stürmer und schoss als Schuljunge derart viele Tore, dass natürlich auch Bob Bishop, legendärer Scout Manchester Uniteds, auf Whiteside aufmerksam wurde – und ihn, der als einziges Mitglied seiner Familie kein glühender United-Anhänger war, ans Old Trafford lotste. Wie fast 20 Jahre zuvor bereits George Best.

“Sie sind komplett andere Spielertypen, Norman ist viel direkter”, analysierte Bishop, “und doch kann man ihn in Nordirland nur mit George Best vergleichen” – so als Einordnung, wie gut das 16-jährige Wunderkind wirklich war. Eigentlich hätte Whiteside in aller Ruhe über die Reserve an die erste Mannschaft herangeführt werden sollen, Manchesters neuer Trainer Ron Atkinson dachte aber gar nicht daran. Noch vor seinem 17. Geburtstag stand Norman erstmals für United auf dem Rasen. Nicht für die B-Jugend, nicht für die Reserve. Für die Profis.

In Windeseile avancierte er zum Publikumsliebling, vermittelte er den United-Fans doch das Gefühl, dass sie da endlich mal wieder ein Juwel hatten, das es eines Tages vielleicht mit dem damals übermächtigen Rivalen Liverpool aufnehmen konnte. Bei seinem Heim-Debüt im Old Trafford schoss Whiteside gleich ein Tor – und fand sich plötzlich im nordirischen Kader für die WM 1982 wieder.

Im Vergleich zu Atkinson hatte sich Nationaltrainer Billy Bingham das Talent in der Vorbereitung eigentlich nur mal anschauen wollen – Whiteside war dann aber plötzlich der beste Spieler im Kader und nach einem Trainings-Traumtor gegen den verblüfften Torhüter-Giganten Pat Jennings nicht mehr aus der Startelf wegzudenken. Norman spielte in Spanien erstmals mit 17 Jahren und 41 Tagen, brach dadurch Pelés Rekord als jüngster Spieler bei Weltmeisterschaften und kehrte, so komisch das klingen mag, als etablierter Profi zu ManUnited zurück. Optisch ging das schon so durch.

Ein 17-Jähriger, der älter aussah – und spielte: Norman Whiteside bei der WM 1982. – Bild: Facebook/FIFA World Cup

Whiteside, so Trainer Atkinson, hatte mit 17 die Reife eines 25-Jährigen. Und das schien durchaus zu stimmen. Gleich in seiner ersten vollen Saison wurde er einer der Leistungsträger, verzauberte die Red Devils mit diesem ungewöhnlichen Selbstverständnis, frechen Finten und fulminanten Linksschüssen. Dass der 1,88 Meter lange Teenager bereits damals ein großer Spieler war, bewies er eindrucksvoll, als er 1983 Tore in Halbfinale und Finale beider englischer Pokal-Wettbewerbe schoss. Das Manchild war ein Man geworden.

Obwohl Norman Liverpools Alan Hansen, einen der besten Verteidiger Europas, mit einer lässigen Drehung stehen und sich Torhüter Bruce Grobbelaar vergeblich strecken ließ, ging das Ligapokal-Finale im Derby verloren. Den FA Cup gewann “Big Norm” United aber. Schließlich wurde er “in solchen Momenten einfach nicht nervös, auch nicht vor meinem ersten Länderspiel”. Er wisse auch nicht, woran das liege, sagte Norman einmal als 21-jähriger Routinier in einem Interview.

Nach einer Glanzleistung im Europapokal gegen Juventus streckte 1984 die AC Mailand ihre Fühler nach dem 19-Jährigen aus – der aber ablehnte, weil er den Schritt für sich als zu früh empfand. Bei United, das seinem lukrativen Verkauf zugestimmt, bereits ohne ihn geplant und mit Alan Brazil und Garth Crooks sogar Ersatz besorgt hatte, verlor Whiteside wegen seiner fehlenden Schnelligkeit daraufhin seinen Stammplatz. Ein erster Knacks.

Das Tempo war in Whitesides komplettem Spiel stets der einzige große Kritikpunkt gewesen, das er laut eigener Aussage als 15-Jähriger verloren hatte, weil er eine Leistenverletzung bei einem zu groben Physiotherapeuten falsch behandeln ließ. Sicherlich trug auch eine erste komplizierte Knie-Operation ein Jahr später dazu bei.

Durch Normans gutes Gespür für das Spiel hatte er in seinen ersten Spielzeiten bei United jedoch selten unter diesem Makel gelitten und gerade im Duo mit Sturmpartner Frank Stapleton geglänzt, der Atkinsons Entscheidung ebenso wenig verstehen konnte. Doch auch im Mittelfeld neben Bryan Robson gefiel Whiteside – und erkämpfte sich dort, nach dem geplatzten Transfer, seinen unangefochtenen Stammplatz zurück.

Der Einfluss auf dem Feld und die Wertschätzung beim Trainer wurden in der neuen Rolle etwas geringer, trotzdem schoss Whiteside im FA-Cup-Finale 1985 gegen Titelverteidiger, Meister und Europapokal-Sieger Everton das umjubelte Siegtor. Pat Jennings konnte sicherlich mit Neville Southall mitfühlen, als Wales’ Klasse-Keeper nur noch beobachten durfte, wie Whitesides Schlenzer hinter ihm im Eck einschlug. Normans berühmtestes Tor – mit frischgebackenen 20 Jahren.

Seine Heldentat in Wembley hatte Whiteside endgültig rehabilitiert. Er wurde Uniteds jüngster Kapitän seit dem legendären Duncan Edwards, mit dem er als Spielertyp häufig verglichen wurde. Als Manchester 1986 erst leichtfertig die Meisterschaft verspielte und anschließend einen gewissen Alex Ferguson anheuerte, fiel allerdings mehr ins Gewicht, was für ein Typ Norman neben dem Platz war – wo sich nicht nur der Zustand seines Knies zusehends verschlechterte, sondern auch der seiner Leber.

Durch eine erneute Verletzung monatelang zum Zuschauen verdammt etablierte sich Whiteside mehr und mehr als Leistungsträger in Uniteds notorischem Säufertrupp, dem der professionelle Ferguson, der deshalb sogar den hochbegabten Verteidiger Paul McGrath fortschickte, mit aller Macht ein Ende bereiten wollte. Als 1987/88 dann auch noch Normans Achillessehne riss, schien seine Zeit in Manchester besiegelt zu sein.

“Es war aufregend, einem Spieler solcher Klasse zuzusehen. Er hatte diese Fähigkeit, sich immer genug Zeit zu verschaffen. Seine Pässe waren so genau, dass der angespielte Stürmer nie um den Ball kämpfen musste. Als Spieler war er beinahe ein Genie”, adelte Ferguson Whiteside – und verkaufte ihn nach seiner Genesung dennoch an Everton, wo schnell ersichtlich wurde, dass der nach wie vor junge Whiteside nicht mehr der gleiche Spieler war. Und dass es ihm nicht mehr gelingen konnte, aus dem Teufelskreis seiner Verletzungen auszubrechen. Aus dem seines Alkoholkonsums wahrscheinlich auch nicht.

Es ist schon tragisch, dass Norman Whiteside bereits mit 25 Jahren sein letztes Spiel machte und seine Schuhe danach wohl oder übel an den Nagel hängen musste. Der jüngste Spieler, der je ein Tor für Manchester United, der je ein Tor im FA-Cup-Finale, der je ein Tor im englischen Ligapokal-Finale schoss. Der je bei einer Weltmeisterschaft spielte.

Der Skankill Skinhead, vielleicht der beste “Big Game Player”, den die Red Devils je hatten, beschäftigte sich nach seinem Karriereende übrigens mit seinem sportlichen Schicksal und studierte Podiatrie, um Fuß-Verletzungen verstehen und behandeln zu können. Und das, während er mehrere Jahre im Old Trafford arbeitete, sich laut eigener Aussage nicht nur einmal fragend, was noch alles hätte sein können. Aber eine ganze Menge war ja auch. Beinahe.

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