WIE GUT WAR PELÉ BEI DER WM 1958?

Ist ein 17-Jähriger vielleicht schon der beste Fußballer weit und breit? Diese Frage stellte sich der Sportwelt vor Lamine Yamal wahrscheinlich letztmals so richtig bei Pelé, bei der WM 1958 in Schweden. Ein genauer Blick auf sein Halbfinale gegen Frankreich – und das Endspiel gegen den Gastgeber.

Die Vorgeschichte

Für die Europäer kam er ziemlich aus dem Nichts, dieser Edson Arantes do Nascimento, was aber vor allem am damaligen Frühstadium der Globalisierung lag. Die WM 1958 war für Pelé nämlich “höchstens” der Durchbruch auf der Weltbühne. Daheim in Brasilien würde er die Pflichtspiel-Saison 1958 mit unfassbaren 66 Toren in 46 Einsätzen abschließen, schon 1957 hatte der FC Santos in ihm nicht nur ein Juwel, sondern bereits einen herausragenden Leistungsträger gewusst.

Dass der Himmelsstürmer noch gar nicht zum ersten Aufgebot der Selecao zählte, als das Turnier in Schweden begann, lag an einer Blessur, die ihn die ersten beiden Partien verpassen ließ. Die Folge: Es lief nicht so recht, gerade spielerisch. Sodass Teamchef Vicente Feola im letzten Gruppenspiel gegen die Sowjetunion herzlich gerne zwei neue Angreifer ins Rennen schickte: Rechtsaußen Garrincha, dessen Defensiv-Schwäche zuvor für zu riskant gehalten worden war – und Pelé.

Letzterer schoss nach seinem noch torlosen WM-Debüt den einzigen Treffer im Viertelfinale gegen Wales (1:0), deren drei im Halbfinale gegen Frankreich (5:2) und noch mal zwei im Endspiel gegen Gastgeber Schweden (ebenfalls 5:2) – wodurch Pelé seine Torquote aus den brasilianischen Ligen auch auf der größten Bühne der Welt halten konnte, die fortan ein neues Gesicht hatte.

Mannschaft und Rolle

Durch ihre Formation stellten die Brasilianer 1958 eine kleine taktische Offenbarung dar. Mit einer Frühform der Viererkette spielten sie relativ positionsgebunden im 4-2-4, wobei der defensive Beitrag von Linksaußen Mario Zagallo es manchmal eher zu einem 4-3-3 werden ließ. Auf Spielmacher Didi und Stabilisator Zito in der Zentrale lastete jedenfalls viel Verantwortung.

In der furiosen Sturmreihe bildete Pelé gemeinsam mit Vava ein klassisches brasilianisches Sturmduo, was bedeutete, dass es nicht aus zwei völlig unterschiedlichen Spielertypen bestand. In Europa paarten sich ja meistens ein hünenhafter Zielspieler und ein filigranerer “Wusler” um diesen herum. Pelé und Vava ließen sich beide mal fallen und besetzten dann auch beide wieder die klassischen Mittelstürmer-Räume, wobei sich Vava beim seitlichen Ausweichen flexibler oder zumindest gewillter präsentierte.

Der 17-jährige Pelé spielte vor allem zentral – mal als Zehn, mal als Neun – und fast ausschließlich im letzten Drittel. Er riss das Spiel nicht phasenweise an sich wie etwa später bei der WM 1970, dafür war Didi zuständig (1970 eher Gerson). Doch im Angriffsdrittel war er durch seine physischen und technischen Fähigkeiten Zielspieler für lange hohe Anspiele, schnelle kurze Doppelpässe – und natürlich auch kreativ kreierte Abschlüsse. Pelé war einer von zwei mitspielenden Mittelstürmern. Oder eher Mittel-Angreifern.

Brasiliens offensives und einflussreiches 4-2-4, grob realtaktisch illustriert. Pelé war in einem Zwei-Mann-Sturm eine etwas hängende Spitze, die sich in den Neuner-Raum orientierte.
Brasiliens erste Weltmeister. Stehend: D. Santos, Zito, Bellini, N. Santos, Orlando, Gilmar. Hockend: Garrincha, Didi, Pelé, Vava, Zagallo, Betreuer Americo.

Stärken und Schwächen

Von Pelés vier Einsätzen bei der WM 1958 sind nur zwei über die vollen 90 Minuten ein- und anzusehen: das Halbfinale gegen Frankreich und das Finale gegen Schweden. Schon in 180 Minuten zeichnet sich aber ein relativ klares Bild ab.

Schnell fällt seine Athletik auf. Die Dynamik bei Antritten und Sprints, vor allem aber auch die Sprungkraft. Bei hohen Bällen aus dem Spiel heraus ist Pelé brasilianisches Anspielziel Nummer eins. Apropos Anspiel: Womöglich lag darin die größte Stärke des noch sehr jungen Überspielers. Pelé war der ideale Partner für die charakteristischen brasilianischen Doppelpässe, wofür er sich erst in die richtigen Räume bewegte, ehe er blitzschnell, technisch sauber und meist perfekt temperiert zurück in den Lauf des Mitspielers passte, ehe er sich selbst wieder überlegt freilief. In diesen Situationen konnte der Raum noch so eng, der Druck noch so hoch sein. Hier kamen eine enorme Spielintelligenz und eine tadellose Passtechnik zum Vorschein.

Komplett genial wurde es, wenn man Pelé halbhoch anspielte, auf eigentlich unangenehmer Höhe. Wie er den Ball dann technisch verarbeiten und akkurat weiterspielen konnte, das war selbst in dieser Ausnahme-Mannschaft einmalig. Allgemein ließen ihn sein Verständnis im Kombinationsspiel und die Routine, die er dabei ausstrahlte, mehr wie 25 wirken.

Doch selbst Pelé war teilweise noch 17, also auch in der Wirkung. Grundsätzlich verschaffte sich das durch eine gewisse Zurückhaltung Ausdruck, die elegante Naturgewalt wirkte immer wieder etwas gehemmt. Einerseits vielleicht durch mangelnde Konzentration, Pelé ließ Phasen des Spiels schon mal ein wenig an sich vorbeilaufen. Andererseits womöglich durch das Gefühl, die Show mit gerade 17 noch nicht komplett übernehmen zu dürfen – nach dem WM-Titel, schon 1959, trat “O Rei” da spürbar anders auf.

Aber auch sein reines Spiel war (noch) nicht perfekt. Gerade beim eigenen Abschluss ging Pelé die übersichtliche Gelassenheit manchmal etwas flöten, in diesen Momenten agierte er mitunter übereifrig und überhastet. Hatte er etwas Platz beim Schießen, wurden die Dinge in der Regel unvermeidlich, im “Verkehr” gerieten gerade die Abschlüsse mit dem etwas schwächeren linken Fuß hingegen mehrmals ungenau.

Eine ähnliche Schlampigkeit zeigte Pelé in den beiden wichtigsten Spielen 1958 teilweise beim Dribbling. Die außergewöhnlichen Ballfertigkeiten waren eigentlich gegeben, doch an den entscheidenden Verteidigern blieb er wiederholt hängen, was meistens vermeidbar aussah. War es zu viel Optimismus – dass er dachte, ein kleiner Haken würde schon reichen? War es noch fehlende Routine gegen Verteidiger von einem anderen Kontinent? Ein Über-Dribbler war der grundsätzliche Alleskönner in dieser Phase seiner Karriere womöglich eher nicht – auf Basis dieser beiden Spiele.

Halbfinale gegen Frankreich

Im Halbfinale war Pelé überragend. Schon früh zeigte er große Präsenz, nahm sich etwa gleich den ersten aller Abschlüsse. Besonders auffällig war die (Handlungs-)Schnelligkeit in seinen Aktionen: schnell freigelaufen, schnell Übersicht verschafft, schnell weitergespielt. Besonders in Form von Doppelpässen. Und dann auch noch so sauber ausgeführt – eine brutale Reife. Und das auf dieser Bühne.

Gegen Frankreich trat auch die Direktheit in Pelés Spiel zum Vorschein, die ideal in das ziemlich direkte brasilianische Spiel passte. Das, gepaart mit dem Gefühl für Doppelpässe: “O Rei” war ein typischer Brasilianer. Dem gesamten Spiel drückte er seinen Stempel zwar nur bedingt auf, das war nicht seine Aufgabe, doch er prägte es im letzten Drittel – mit enormer Umsicht. Ausnahmen waren nur gewisse Momente der Ungeduld vor eigenen Abschlüssen.

Es “reichte” trotzdem für einen Dreierpack – einmal abgestaubt, einmal im Strafraum am schnellsten reagiert, ein herrlicher Abschluss aus der Luft -, wobei die Franzosen mehr als eine Hälfte lang quasi in Unterzahl spielten. Abwehrchef Robert Jonquet hatte sich verletzt, konnte 1958 durch einen Einwechselspieler aber noch nicht ersetzt werden. Ansonsten wäre dieses hochklassige Spiel auf Augenhöhe sicherlich nicht 5:2 ausgegangen.

Finale gegen Schweden

Und damit zum nächsten 5:2. Anders als im Halbfinale merkte man Pelé, der hinterher emotional aufgelöst in Tränen ausbrechen würde, eine gewisse Aufregung an. Gerade in den Zweikämpfen ließen Präsenz und Konzentration erst mal etwas zu wünschen übrig, allgemein “verschenkte” er mehrere Aktionen schlampig. Essenziell war Pelé trotzdem, nämlich als Zielspieler für lange Bälle – seiner Sprungkraft und Ballverarbeitung wegen. So, und tatsächlich auch defensiv, fuchste sich der 17-Jährige allmählich in ein Spiel, dessen auffälligster Akteur zunächst Nebenmann Vava war.

Gleichwohl sammelte Pelé nach dem frühen Rückstand einen Assist zum 1:1, wohl eher unfreiwillig hatte er Garrinchas Hereingabe genau zu Vava verlängert. Ansonsten war er in einigen Dribblings zu zuversichtlich oder leichtsinnig, was in relativ leichte Ballverluste mündete. Seine herausragende Geschwindigkeit nutzte er indes zu selten. So wirkte Pelé – durch die guten Aktionen – zwar wie der potenziell beste Spieler auf dem Platz, der sich aber schier absichtlich spürbar drosselte. Aber was verlangt man von einem 17-Jährigen in einem WM-Finale?

Pelé traute sich ja trotzdem. Schon kurz vor der Pause versuchte er mit dem Ball in der Luft nahezu exakt das, was nach dem Seitenwechsel zum 3:1 führte: einen Geniestreich, bei dem er die Kugel über seinen Gegner hob, um direkt danach volley abzuziehen. Ziemlich ansatzlos aus dem berühmten Nichts, aber ein unfassbarer Moment, der so keinem anderen Spieler zuzutrauen war. Außer vielleicht Didi. Anschließend wich Pelé mehr auf den linken Flügel aus, wo er mehr in Tempo und Dribbling kam, eine Pelé-Gala wie im Halbfinale wurde das Endspiel aber nicht mehr – was ihn nicht daran hinderte, in der 90. Minute per Kopf noch einen zweiten Treffer zu erzielen, den er mit einem Hackenpass selbst eingeleitet hatte. In einem WM-Finale. Mit 17.

Fazit

Nicht nur Lamine Yamal in der Saison 2024/25 war sowohl ein Beispiel dafür, dass ein 17-Jähriger durch schiere Qualität bereits zu den besten Spielern der Welt gehören kann als auch für die Unmöglichkeit, dass ein solcher Teenager die Reife eines Mitt-Zwanzigers vollständig besitzen kann – selbst wenn es in einigen Situationen so erscheint. Auf Pelé bei der WM 1958 traf so ziemlich das Gleiche zu.

Auch in der dynamischen, technischen und kreativen Überlegenheit lassen sich erstaunliche Parallelen beobachten: Durch seinen Antritt, sein blitzsauberes Kombinationsspiel und ein paar Einfälle, auf die bis dahin wahrscheinlich noch gar keiner gekommen war, hob sich Pelé mit 17 Jahren in Schweden selbst in Halbfinale und Finale der Weltmeisterschaft von allen Mit- und Gegenspielern ab. Dass Konzentration, Routine und Konstanz hier und da ein bisschen hinten runterfielen, ist wohl das, was man in diesem Alter selbst bei einem Ausnahmetalent erwarten darf.

Man muss dazusagen: Anders als Alfredo di Stefano, der damals noch auf seinem Zenit spielte, war Pelé kein “Totalfußballer”. Zumindest bei der WM 1958 im Nationaltrikot fand er fast ausschließlich als Verbindungs- und Zielspieler im letzten Drittel statt. “Pelé spielt die erste Geige, aber di Stefano ist das ganze Orchester”, fasste es der legendäre Helenio Herrera einmal durchaus treffend zusammen. Der 17-Jährige, in seinen Aktionen ein kleiner Rosinenpicker, war wie die Kirsche auf der Torte einer fantastischen brasilianischen Mannschaft, die er nicht unbedingt vom Grundniveau, aber in den Leistungshöhen verbesserte – mit sechs Toren in vier Spielen. Und das war immerhin eine Weltmeister-Mannschaft.

Ob ihn das schon zum besten Fußballer des Planeten machte, während er seinen Sport in einer absoluten Pionier-Rolle zum Weltspiel Nummer eins entwickelte, ist fraglich. Allein, weil di Stefano zwei Jahre später noch zu Leistungen wie dieser fähig war. Aber einer der besten, schon durch seine Anlagen, war Pelé bereits zweifellos. Und in den Jahren bis 1962 wurde er nur noch besser.

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