Raymond Kopa: WAS VOM NAMEN ÜBRIG BLIEB

Raymond Kopa spielte eigentlich nie für sich selbst, doch im vielleicht wichtigsten Moment verließ ihn das Glück. Berühmte Erben hat er trotzdem.

Begabt weder für Mathematik noch für Geschichte. Und für den ganzen Rest auch nicht. So hat Raymond Kopaszewski einmal seine Schulzeit beschrieben. Und so arbeitete er ab dem 14. Lebensjahr unter Tage, wie es in seiner Familie seit Generationen eigentlich jeder Mann tat.

Nun, in Wahrheit hatte diese Entscheidung einen anderen Grund. “Wann immer ich meinen vollständigen Namen genannt hatte, war das Bewerbungsgespräch zu Ende”, erinnerte sich ein etwas älterer Kopa an den deutlich jüngeren, der lieber Elektriker geworden wäre. Dem aber einfach dieses “szewski” anhaftete.

Raymonds Großeltern hatten einst Krakau verlassen und waren im Ruhrgebiet sesshaft geworden, wo seine Eltern das Licht der Welt erblickten – das in dieser Welt nicht das hellste war. Und auch Raymond schien diesen Kreis nicht durchbrechen zu können, den sein nach Nordfrankreich weitergezogener Vater erst verließ, als er mit 56 an einer Staublunge starb. Keine Seltenheit bei den Kopaszewskis. Oder vielen anderen Familien.

Doch Raymond, der damit davon kam, bei einem Grubenunglück einen Finger zu verlieren, fand einen Ausweg. Einen Kegel klares Licht inmitten der verrußten Bergarbeiterviertel, um “meinem vorgezeichneten Leben als ‘Schwarzfresse’ zu entkommen”. Um die “Unmenschlichkeit 600 Meter unter der Erde” hinter sich zu lassen. Der Junge, der schon mit acht Jahren eine eigene Straßenmannschaft gegründet hatte, spielte irgendwann nicht mehr aus Spaß. Der wollte da raus.

Aber auch in den Straßen hatte der in Frankreich geborene “Polenjunge” nicht die besten Voraussetzungen erwischt. Dass er trotz seines schmächtigen Körperbaus stets gegen Ältere spielen und nicht selten brillieren konnte, hatte er seinen sogenannten fußballerischen Fähigkeiten zu verdanken. An denen feilte er so sehr, dass der Verein seiner Heimatstadt Noeux-les-Mines den zehnjährigen Raymond regelrecht dazu aufforderte, sich ihm anzuschließen.

Erst den Strohhalm gepackt, dann die Chance beim Schopf. Irgendwann legte das Bergwerk seine Schichten so, dass er es stets zum Training schaffte, bald auch mit der Junioren-Regionalauswahl. Neben jeder Menge Kohle wurde fortan auch jede Menge Talent gefördert, Raymond durfte sein Werk bei Tageslicht verrichten. Was er am liebsten auf dem Sportplatz tat.

Ein Zweitligist kürzt seinen Namen

Die Geschichte hat es, dass er als Jungspund mit der Herrenmannschaft seines Heimatortes spielte, als ein Zuschauer 1000 Francs für den Schützen des nächsten Tores auslobte. Das Tor schoss der kleine Kopaszewski, der seine erste “Prämie” unbedingt mit den Teamkollegen teilen wollte – was diese vehement ablehnten. Ein Lerneffekt setzte jedenfalls nicht ein, als Raymond später gutes Geld verdiente, teilte er es stets mit den Mitspielern, die weniger bekamen.

Doch als ihm der Fußball nicht nur ein angenehmes Leben, sondern auch die weite Welt bieten wollte, kam das Talent ins Grübeln. Raymond hatte gehofft, in der Nähe seiner Heimat bleiben zu können, doch keiner der Nordvereine zeigte Interesse. Den Zuschlag erhielt schließlich Zweitligist Angers, wo der Feingeist zum Berufsfußballer wurde. Es ist der Verein, dem zugesprochen wird, seinen Namen auch offiziell gekürzt zu haben. Und nachdem das erste Jahr, verbunden mit einer Menge Heimweh, überstanden war, hatte Kopa seine Last verloren.

Er heiratete nicht nur Christiane, die Schwester seines Sturmpartners, nach einem Freundschaftsspiel gegen Stade Reims im Jahre 1951 wurde er Teil des Vereins, der Frankreich in der kommenden Dekade dominieren sollte. Kopa zählte zu einer Auswahl kommender Nationalspieler – und weitere Nationalspieler kamen. Später etwa ein gewisser Just Fontaine.

Im offensiven Spielstil der Reimser blühte Raymond regelrecht auf, erhielt alle Freiheiten, die er sich gerne nahm. “Nicht Außen-, nicht Halb-, nicht Mittelstürmer”, schrieb “France Football” damals über den Spieler, der sich parallel zu Nandor Hidegkuti zu einer der besten “falschen Neunen” Europas entwickelte. Spielmacher, Torschütze, Totalfußballer.

Kopa avancierte zum vordenkenden Kopf einer Dynastie, die mehrere Meisterschaften und 1953 die Coupe Latine gewann, einen Europapokalvorläufer, dessen Endspiele französische Vertreter stets verloren hatten. Auch bei der Premiere des Landesmeisterpokals war Reims 1955/56 dabei – und sogar drauf und dran, die erste Epoche des europäischen Vereinsfußballs zu prägen. Nach der 2:0-Führung im Endspiel gegen Real Madrid, das Kopa bereits vor dem Finale verpflichtet hatte, deutete vieles darauf hin.

Doch “di Stefano war nicht zu stoppen”, wie sich Raymond später schmunzelnd erinnerte, der mit Reims noch 3:4 verlor. An diesen Leitsatz hielt er sich, als er Wochen später mit Don Alfredo zusammenspielte. Anders als etwa Brasiliens Weltmeisterdirigent Didi, dessen Jahr in Madrid zu einem Desaster wurde, fügte sich der vielseitige Franzose ganz natürlich – und fand sich, wie zu seiner Anfangszeit in Reims, als zusätzlicher Spielmacher auf dem rechten Flügel wieder. Von wo aus er di Stefano so manches Tor auflegte.

Auf einen ihres Kalibers waren die Königlichen 1955 wegen eines Länderspiels in Spanien aufmerksam geworden, womit sie allerdings nicht allein waren. ‘Mailand oder Madrid’ lautete die Frage, die sich auch Raymond stellte, der jedoch nur von Real umgarnt wurde. Die Rossoneri, aus der Modestadt, versuchten ihr Glück lieber bei dessen Frau, die ihre persönlichen Vorlieben uneigennützig hintenanstellte. “Eine unwiderstehliche Kraft zog mich dorthin”, erklärte ihr nun königlicher Gatte, der in den folgenden Jahren Teil der famosesten Sturmreihe des europäischen Fußballs wurde.

Neben dem 1,68 Meter kleinen “Kopita” und di Stefano, “dem Anführer dieser großen Mannschaft”, brillierte Halbstürmer Hector Rial, sprintete Linksaußen Francisco Gento und ballerte ab 1958 auch “Major” Ferenc Puskas, den Kopa im Vergleich mit di Stefano “individuell sogar noch eine Spur stärker” sah.

Kopa statt Pelé?

Raymond blieb drei Jahre in der spanischen Hauptstadt, in denen er im Endspiel um den Landesmeister-Cup auch mal auf der Gewinnerseite stand. Und zwar in allen drei Jahren. Als wichtiger Part der Ur-“Galaktischen” glänzte Kopa zwar immer ein wenig im Schatten di Stefanos und Puskas’, was aber eigentlich gar nicht seine Schuld war.

Bei der WM 1958, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, adelte eine französische Zeitung den “Napoleon des Fußballs”: “Kopa dribbelte die Deutschen so gekonnt aus, dass sie ihr Gleichgewicht verloren und auf die Nase fielen, ohne zu kapieren, was ihnen passiert war.” Die WM in Schweden, heute für den Aufstieg Pelés bekannt, war auch sein Turnier. Er war es schließlich, der hinterher zu dessen besten Spieler gekürt wurde. Gleich sieben der unerreichbaren 13 Tore seines Sturmkollegen Just Fontaine hatte er vorbereitet. Später des Jahres gab es sogar den Ballon d’Or.

Doch im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister Brasilien – es stand gegen Ende der ersten Hälfte 1:1 – brach sich Frankreichs Kapitän Robert Jonquet das Bein. Und weil es damals noch keine Wechselmöglichkeiten gab, mussten die Franzosen zu zehnt zu Ende spielen. Erst in Unterzahl nahmen sie die drei Tore des 17-jährigen Pelé hin. Kopa hätte im Fußball sicherlich einen anderen Stellenwert, wäre er 1958 Weltmeister geworden.

Nur ein Jahr später, er ging gerade mal auf die 30 zu, kehrte er den höchsten Höhen, kehrte er Real Madrid den Rücken – und nach Reims zurück. Geradezu schicksalhaft nach der Wiederauflage im Landesmeister-Finale 1959.

“Die Profis von heute haben es leichter, wenn sie ihre Schuhe an den Nagel hängen”, meinte Kopa Jahrzehnte später. Ausgesorgt hatte man damals noch nicht. “Ich bin zurück nach Frankreich, weil ich mich auf die nächste Phase meines Berufslebens vorbereiten wollte.”

Die vielleicht beste aller Angriffsreihen: Kopa, Rial, di Stefano, Puskas, Gento (v. li.). – Bild: as.com/futbol

Zur ganzen Wahrheit gehörte auch die Krankheit seines kleinen Sohnes Denis, der mit nur vier Jahren an Krebs verstarb. Die Kopas verwanden es gemeinsam. Raymond half auch der Fußball, den er – zurück in Reims – nicht loslassen konnte. Pflichtbewusst ging er irgendwann sogar mit in die zweite Liga und hörte erst kurz vor seinem 36. Geburtstag auf.

Trainer wurde er nicht, auch den Weg auf Funktionärsebene schlug er nur sehr kurz ein. “Ich liebe den Fußball – wenn ich ihn spielen kann.” Damit war eigentlich alles gesagt. Stattdessen gründete Raymond die Marke “Kopa”, verkaufte Sportartikel und Limonade. Und das zumindest so erfolgreich, dass er es sich leisten konnte, einigen ehemaligen Mitspielern eine Arbeit zu geben. So war er nun mal.

Nächstenliebe war stets ein wichtiger Teil des Lebens, das er schon früh eingeschlagen hatte und das erst 2017 endete. “Wäre ich ohne meine polnischen Wurzeln in einer wohlhabenderen Familie aufgewachsen, hätte ich nicht diesen Drang verspürt, aus meinem Milieu auszubrechen. Dann hätte es den Kopa von Reims, Madrid und der Nationalmannschaft nicht gegeben”, blickte er einmal nachdenklich zurück. “Ohne die Arbeit im Bergwerk würde ich immer noch Kopaszewski heißen.”

Heute heißt eine von “France Football” verliehene Trophäe, die seit 2018 der beste internationale Nachwuchsspieler erhält, wie einer der größten Könner der Fußballgeschichte. Allerdings ohne das “szweski”, das Raymond – im positivsten Sinne – “losgeworden” ist. Und ganz im Sinne des französischen Fußballs, den er 1958 weltberühmt gemacht hatte, ging die erste Auszeichnung 60 Jahre später an einen legitimen Erben: Kylian Mbappé.

Facebook
Twitter
Instagram

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.