Real gegen Frankfurt 1960: FINALE FURIOSO

Wie gut Eintracht Frankfurt damals wirklich war, hat Real Madrid im Landesmeister-Finale 1960 geradezu filmisch beinahe vergessen gemacht. Manche glaubten sogar an einen Schwindel.

Alex Ferguson fährt mit dem Bus zum Stadion. Wie die meisten Schotten hätte sich natürlich auch er lieber seine Rangers in das große Endspiel im ehrwürdigen Hampden Park gewünscht. Aber wenn das eben nicht möglich war, so wollte er wenigstens noch einmal das Team bestaunen, das sie im Halbfinale mit 6:1 und 6:3 aus dem Turnier katapultiert hatte – “das beste Team, das ich in meinem Leben gesehen hatte”. Er meinte Eintracht Frankfurt.

Nun zählte Rangers-Fan Ferguson damals gerade 18 Lenze und war vom “Sir” noch weit entfernt. Real Madrids Abwehrchef José Santamaria sollte sich aber auch knapp 90-jährig in einem “Guardian”-Interview noch gut daran erinnern, wie einige Experten im Vorfeld des 18. Mai 1960 davon ausgegangen waren, dass “uns diese junge Truppe vom Thron stoßen wird”. “Uns”, das große Real Madrid, das alle vier bis dato ausgespielten Landesmeister-Trophäen einkassiert hatte. Ausgerechnet in Frankfurt war man sich da nicht so sicher.

“Für uns waren das Götter in Weiß. Hätte einer von ihnen zu mir gesagt, ich solle ihm die Tasche aus dem Bus holen – ich hätte es ohne zu zögern gemacht”, erinnert sich SGE-Mittelstürmer Erwin Stein, der trotz noch so berühmter Gegenspieler heimlich doch mit der Sensation liebäugelte: “Wir hatten schon die Rangers geschlagen, wieso sollten wir nicht noch einen Favoriten besiegen?”

Der Hampden Park 1960, kurz vor Anpfiff. – Bild: Twitter/Terrace Images

Die Eintracht verliert auch, weil sie relativ früh in Führung geht. Schon damals hatten schläfrige Anfangsphasen bei den Königlichen eine ähnlich große Tradition wie der Vorbehalt weltmännischer Star-Einkäufe für offensive Positionen. Gerade deshalb empfand Santamaria das verdiente 0:1 in der 18. Minute als “Glücksfall”. Macht der Gewohnheit und so.

“Ihr Tor war wie der Stich einer riesigen Biene”, erklärte der Mann, den sie damals “die Wand” nannten. “Nun bist du alarmiert, jetzt musst du reagieren.” Und Real reagierte. Das Real, das im Endspiel 1956 Kopas Stade Reims, 1957 Julinhos Fiorentina, 1958 Schiaffinos Milan und 1959 erneut Reims um WM-Torschützenkönig Fontaine übertrumpft hatte. Die königlichen Stars waren inzwischen (weit) jenseits der 30 und mussten niemandem mehr etwas beweisen – doch zu ihren anscheinend unvermeidlichen Traditionen zählten eben auch denkwürdige Final-Auftritte.

Die Eintracht war zwar frisch und vor allem durch ihr Tempo immer wieder gefährlich, irgendwie war sie aber auch im Korsett ihrer zeitgemäßen WM-Formation (3-2-2-3) gefangen. Das vom ehemaligen Real-Spieler Miguel Muñoz trainierte Madrid trat auf dem Papier ähnlich an, verstand jedoch die Vorteile des Verlassens festgelegter Positionen. Die Königlichen sortierten sich, ließen sich von Frankfurts extrem vertikalem Flügelspiel nach dem 0:1 nicht mehr überrumpeln – und spielten den bemitleidenswerten deutschen Meister zusehends an die Wand.

Besonders einer spielte: Alfredo di Stéfano, über den nahezu jeder Madrider Angriff lief. “Wenn Pelé die erste Geige ist, dann ist di Stéfano das ganze Orchester”, hatte Landsmann und Star-Trainer Helenio Herrera einmal in den Raum geworfen, der damals immerhin den FC Barcelona trainierte. Den Raum machte sich im Hampden Park auch “Don Alfredo” zunutze.

Wie Real und die Eintracht ungefähr aufliefen. – Bild: outsideoftheboot.com

In einer Rolle, die sich heuer “falsche Neun” schimpft, rochierte der nominelle Mittelstürmer permanent mit Halbstürmer Luis del Sol und verschob – überall auf dem Feld – zur ballnahen Seite in die Halbräume, wo er als Schlüsselspieler für Verlagerungen, abrupte Vorstöße und überfallartige Konter immer eine Überzahl herstellte. Aber das war noch nicht alles. In anderen Momenten kam es vor, dass di Stéfano im eigenen Strafraum auftauchte – und einen wichtigen Zweikampf gewann. Ein Totalfußballer.

Durch ein fortschrittliches Aufbau-, Kurzpass- und speziell Doppelpassspiel drängte Real verunsicherte Frankfurter in die passive Rolle und schob selbst mit den Verteidigern teilweise so hoch – woran sich Arrigo Sacchi später auch bei Milan orientieren sollte -, dass die Madrilenen nahezu jeden Befreiungsschlag abfingen und die Angriffe in der gegnerischen Hälfte am Leben erhielten. Ihre außergewöhnliche individuelle Klasse besorgte den Rest. Stein, Pfaff und Kreß spielten zwar toll, doch di Stéfano, Puskas und Gento spielten einfach noch toller.

Vor angeblich über 137.000 faszinierten Zuschauern, die sich auch in den letzten Kubikzentimeter des Hampden Park gepresst hatten, wurde das beste Team, das der junge Alex Ferguson jemals gesehen hatte, von einem noch besseren Team in seine Einzelteile zerlegt. Dreimal di Stéfano und viermal Ferenc Puskas, nach dessen fulminantem Linksschuss zum 3:1 der legendäre “Hampden Roar” auch die klobigen TV-Prototypen der Fernseh-Zuschauer erschüttern ließ.

Vor einem dieser Geräte kauerte mit Manchester Uniteds Bobby Charlton auch einer, der mit seinen tragisch verunglückten “Busby Babes” ebenfalls drauf und dran gewesen war, die “Schwarz-Weiß-Galacticos” herauszufordern. Doch Charlton traute seinen Augen nicht: “Ich dachte zuerst an einen Schwindel, es wirkte wie ein Film. Ihre Spieler taten Dinge, die eigentlich nicht möglich sind.”

“Uns war nicht klar, was für ein Level wir erreicht hatten, wir dachten nur ans Gewinnen”, erinnert sich Santamaria an den Höhe- und gleichermaßen Schlusspunkt der ersten großen Dynastie in der Geschichte heutiger europäischer Vereinswettbewerbe. Mutige Frankfurter, die zur “Darbietung der höchsten Kunstfertigkeit, die der Fußball anzubieten hat”, ebenfalls reichlich beigetragen hatten, wie es in “History of the European Cup” so schön heißt, sammelten auf dem Ehrenbankett derweil fleißig Autogramme und schlossen Freundschaften.

Zurück in der Heimat wurde der zwar deklassierte, durch das Endspiel der Superlative aber ebenfalls unsterblich gewordene Final-Verlierer von mehr als 100.000 jubelnden Menschen in der Frankfurter Innenstadt gefeiert. Nie hatte ein europäisches Endspiel vor mehr Zuschauern stattgefunden, nie waren in einem europäischen Endspiel mehr Tore gefallen. In etlichen Rankings der besten Fußballspiele überhaupt thront das Landesmeister-Finale von 1960 an der Spitze, eine Zeit lang zeigte die “BBC” es jedes Jahr.

Eine historische Mannschaft in einer historischen Partie inspirierte und beeinflusste mindestens eine Fußball-Generation nachhaltig – auch einen jungen Mann, der von der unmittelbaren Strahlkraft des “weißen Balletts” noch ein wenig durch den Wind war. Als Alex Ferguson nach Schlusspfiff aus dem Hampden Park eilte, um einen der ersten Busse nach Hause zu erwischen, waren diese nahezu leer. “Erst dann realisierte ich, dass alle Zuschauer im Stadion geblieben waren, um diesem brillanten Madrid zu applaudieren.”

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