Für seinen wohl berühmtesten Auftritt erhielt Ronaldinho, damals Star des FC Barcelona, sogar Beifall in Real Madrids Estadio Santiago Bernabeu. Nur für zwei tolle Tore?
Was war Ronaldinhos Rolle?
In Frank Rijkaards 4-3-3 war Ronaldinho der linke Außenstürmer, der seine Position überwiegend einhielt. Meistens klebte der Brasilianer fast schon am Flügel, ab und an ließ er sich für mehr Teilhabe aber auch mal fallen oder ging zum Überladen auf die rechte Seite des jungen Lionel Messi.
Barcas Spielmacher war Ronaldinho trotz seiner Rückennummer 10 somit nicht – diese Rolle gebührte eher Xavi -, dafür hätte er von seinen Kollegen auch noch häufiger gesucht werden müssen. Nichtsdestotrotz war er der offensive Unterschiedsspieler der Mannschaft, was auch sichtbar von ihm erwartet wurde. Genauer gesagt: die besonderen Aktionen.
Dafür verfügten die Katalanen mit ihm natürlich über genau den Richtigen, der sich von Defensivarbeit dafür auch ziemlich befreit fühlen durfte. So konnte sich Ronaldinho umso freier ins Konterspiel einbringen, durch das Barcelona insgesamt am gefährlichsten wurde. In diesen Momenten entstanden auch seine beiden Tore.
Was war es für ein Spiel?
Ein zunächst etwas vorsichtiges und in Phasen sogar relativ ausgeglichenes, das nicht untypisch für seine Zeit von spontanen Einzelaktionen bestimmt wurde. Dennoch zeigte sich schnell, dass Barcelona die deutlich homogenere und potentere Mannschaft war, die sich auf dem Weg nach vorne viel leichter tat – die großen Tage alternder “Galaktischer” waren streng genommen bereits ab der Saison 2003/04 gezählt.

Schon relativ früh (15. Minute) ging der FCB durch die individuelle Qualität seiner Stars in Führung – Torschütze Samuel Eto’o -, auch in diesem Punkt waren die Gäste klar überlegen. Von Real Madrids schillernden Namen ging kaum offensive Gefahr aus, an Zinedine Zidane etwa lief das Spiel komplett vorbei. Hätten diese Königlichen, von Vanderlei Luxemburgo trainiert, nicht Rijkaards, sondern Pep Guardiolas Barca gegenübergestanden, wäre es richtig hässlich geworden. So organisiert und überragend waren diese Katalanen kollektiv aber noch nicht.
Spätestens ab Ronaldinhos erstem und Barcelonas zweitem Treffer in der 59. Minute ging es eigentlich nur noch um die Höhe des Auswärtssieges, obwohl Real noch zwei potenzielle Wendepunkte heraufbeschwor: Kurz nach dem 0:2 vergab Ronaldo eine Großchance, knapp zehn Minuten später wurde ein vermeintliches Tor des Brasilianers wegen einer knappen Abseitsstellung zu Recht nicht anerkannt.
Was dieser Clasico – am 12. Spieltag – übrigens auch war: das Duell Dritter gegen Zweiter. Überraschender Tabellenführer war Mitte November 2005 Osasuna, das seine Spitzenposition an diesem Spieltag aber an Barcelona verlor. Der amtierende Meister würde seinen Titel souverän verteidigen.
Gewann Barcelona wegen Ronaldinho?
In dieser Höhe ja – logisch, wenn er zwei der drei Tore erzielte. Allgemein war dieses Real, zumindest gegen diesen Gegner, aber so harmlos, dass man Barca einen niedrigeren Sieg auch ohne Ronaldinho definitiv zugetraut hätte. Rijkaards kompaktem Spiel gegen den Ball war der Einfluss des einstigen Lehrmeisters des Niederländers in Mailand, Arrigo Sacchi, klar anzumerken. Kombiniert mit der Qualität der katalanischen Offensivkünstler reichte das. Locker.
Auf vielen Ebenen im Bereich der “Basics” war es einfach ein Klassenunterschied, der sich auf der Anzeigetafel sogar noch deutlicher hätte Ausdruck verschaffen können. Ronaldinho war da eigentlich “nur noch” die Kirsche auf einer leicht verdaulichen Sahnetorte.
HIER IST EIN VIDEO VON RONALDINHOS AKTIONEN IN DIESEM SPIEL VERLINKT
War Ronaldinho der beste Spieler auf dem Platz?
Ja, rein von den Fähigkeiten sogar bei Weitem. Bei seiner tatsächlichen Leistung war noch etwas Luft nach oben, um auf hohem Niveau zu meckern.
Lustigerweise stieg Ronaldinho, ohne Gegnerdruck, mit einem Stockfehler ein, den er authentisch weglächelte. Insgesamt misslangen ihm sogar die ersten vier Aktionen – und phasenweise hielt er sich auf seinem linken Flügel ein wenig zurück. Auch an ihm lief das Spiel dann etwas vorbei, übermäßig aufgedrückt hat er seinen Stempel diesem Clasico abgesehen von den beiden Toren nicht. Rechtsaußen Messi war mitunter spürbar involvierter.
Wenn “R10” dann aber mal loslegte, stellte er alle anderen in den Schatten; vollbrachte er Dinge, die so keinem der zahlreichen anderen prominenten Spieler auf dem Feld zuzutrauen waren, zumindest zu diesem Zeitpunkt: beginnend mit unwiderstehlichen Flicks um seinen überforderten Gegenspieler Michel Salgado herum, gerne als butterweiche Einladungen für den hinterlaufenden Linksverteidiger Giovanni van Bronckhorst. Ein noch größerer Genuss waren natürlich die Dribbeleinlagen. Diese Ballführung …
Für eine Ausnahme-Szene, die ich sogar als seinen “Trademark” bezeichnen würde, sorgte Ronaldinho Mitte der ersten Hälfte: einen hohen No-look-Steilpass aus dem Halbfeld, perfekt temperiert in den Lauf von Eto’o, der die Großchance nicht nutzen konnte. “Protagonist” in dieser Aktion: Ronaldinhos geniale Passschärfe, für mich vielleicht die “sexieste” Komponente in seinem technisch brillanten Spiel.
Etwas weniger bekannt ist vielen womöglich Ronaldinhos Robustheit – mit einer wirklich starken Körperlichkeit konnte er beinahe jeden Verteidiger auf Distanz halten oder gar aus dem Weg räumen. Selbst ein John Terry prallte schon mal einfach an Ronaldinho ab (siehe Video unten). Dieser Körper, gepaart mit dieser Genialität und dieser technischen Ausführung, machte diese Version von Ronaldinho eigentlich unfair – und fraglos zum besten Spieler auf dem Platz, wenngleich der Rechtsfuß kein perfektes Spiel ablieferte. Schräg vor Casillas, eine tolle Gelegenheit, legte er sich den Ball tatsächlich einmal ohne Not zu weit vor. Passiert offenbar den Besten.
Fazit
Ronaldinhos denkwürdiger Bernabeu-Auftritt am 19. November 2005, für den er nach seinem zweiten Tor zum 0:3-Endstand von Teilen der Real-Anhänger anerkennende Ovationen erhielt, war sowohl die typische Gala eines brasilianischen Unterschiedsspielers als auch die eines Superstars im Fußball der 2000er Jahre: geprägt von längeren “Pausen” und auch von vermeintlich vermeidbar misslungenen Aktionen, dazwischen aber die pure Genialität. Von all den fantastischen Einzelkönnern seiner Generation, die sich im heutigen Fußball etwas umstellen müssten, war er der beste.
Einfach schön zu sehen war auch, welch eine Freude Ronaldinho bei seinem Spiel versprühte und selbst verspürte, was sich bei Reals ächzenden Auslaufmodellen ganz anders verhielt. Und einfach schade bleibt natürlich, dass diese Version von Ronaldinho, seine beste, nur für rund drei Jahre zu bestaunen war. Diese ziemlich einmalige Symbiose von Fähigkeiten gar über zehn Jahre – sämtliche Debatten müssten heute ganz anders geführt werden.
Potenter kann ein Offensiv-Fußballer kaum sein.
