Roy Makaay: WIE LANG SIND ZEHN SEKUNDEN?

Am 7. März 2007 schoss Roy Makaay das schnellste Tor der bisherigen Champions-League-Geschichte. Dabei ist in den 10,12 Sekunden so einiges passiert.

Die Bayern-Trikots sind dunkler als heute. Logisch, damals ist es ja auch noch die berüchtigte “Bestia Negra”, der Real Madrid gegenübersteht. Und doch erwecken die Königlichen den Anschein, als würden sie ihr Achtelfinal-Rückspiel in der noch ziemlich neuen Allianz Arena auf die leichte Schulter nehmen.

Da hat Trainer Fabio Capello doch einfach einen Jugendspieler in das Trikot von Gonzalo Higuain gesteck… oh. Das ist Gonzalo Higuain. 19 Jahre jung, kaum ein Haar im Gesicht, dafür noch alle auf dem Kopf. Und doch schon Startelf bei den Königlichen, in der K.-o.-Runde der Königsklasse. Cristiano Ronaldo hat in Manchester gerade erst angefangen, effektiv zu werden, Karim Benzema bestreitet seine erste vollwertige Saison in Lyon. Ihre Zeit kommt noch.

Higuain hingegen ist schon da – und steht im Anstoßkreis. Er eröffnet dieses Spektakel, das seiner Mannschaft so um die Ohren fliegen wird wie dem Argentinier später die Vorwürfe, alleine dafür verantwortlich zu sein, dass Lionel Messi nie Weltmeister geworden ist. Ob es Zufall ist, dass Madrid mit ihm 2007 und 2012 gegen den FCB ausschied, nach Higuains Abgang aber 2014, 2017 und 2018 mal vernichtend, mal umstritten, mal glücklich am Weißwurstäquator gewann? Oder immer nur glücklich, wenn man Bayern-Fans fragt. Doch immer Glück sei Können, predigen sie in München ja, dann scheint das für immer Pech vielleicht auch zu gelten.

Was in den Sekunden nach dem Anstoß am 7. März 2007 passiert, liegt aber nicht mehr in den Händen (oder Füßen) des 19-jährigen Higuain, sondern vielmehr in denen des knapp 34-jährigen Roberto Carlos. Ein “First Touch” wie eine Ode an die königliche Tradition der anfänglichen Verschlafenheit, kein anderes Team lässt sich in den ersten Minuten so schaurig-schön überrumpeln.

Es ist Roberto Carlos’ Gegenspieler, der auf den Fehler spekuliert und sofort aggressiv drauf geht. Heute würde man sagen: Individualtaktisches Pressing auf Pressinglinie eins (oder zwei?), guter Anlaufwinkel, Raum verknappt. Irgendwo auf der Halbposition. Funktioniert hat es auch damals schon – und dann geht Hasan Salihamidzic ab. Entschlossen wie gerissen, die perfekte Symbiose aus seiner Geschichte und seinem Spitznamen.

“Brazzo”, das Bürschchen. Heute eher Chefchen, Objekt der wirtshäuslichen oder kommentarspaltenden Belustigung, als verbal ungelenke Nachfolge auf Funktionärsbombasten wie Rummenigge oder Hoeneß. Die wenigsten scheren sich noch drum, dass das mal ein Champions-League-Sieger von internationalem Format war. Jüngere Generationen können sich das auch gar nicht mehr vorstellen. Wie den ergrauten Carlo Ancelotti, Kaugummi kauend auf der Trainerbank kauernd. Der soll mal Weltklasse gewesen sein?

Die Zeit läuft irgendwann allen davon, Roberto Carlos ist da keine Ausnahme. Ein paar Jahre früher hätte er Salihamidzic noch locker eingefangen, die Schnelligkeit des Brasilianers war kaum minder spektakulär gewesen als seine Schusskraft. Doch jetzt ist ein paar Jahre später und Brazzo auf und davon. Nach Sekunden, die an einer Hand abzuzählen sind, trotz königlichem Anstoß.

Sergio Ramos rückt raus, auch ihn gibt es schon. Doch die Haare sind noch lang, bei ihm hat das immer einen Wendepunkt symbolisiert. Er wird seine Momente noch bekommen in dieser Arena, wird einmal jede Münchner Flanke weg- und zwei Bälle ins Münchner Tor köpfen. Diesmal wird er getunnelt, vom Bürschchen. Das nicht scharf flankt, sondern bedacht passt.

Drei Tore in München: Makaay überzeugte die Bayern 2002 im Deportivo-Trikot. – Bild: welt.de/sport

Denn in Ramos’ Rücken hat sich Roy Makaay davongeschlichen, nur durch verstohlene Blicke mit der Abseitslinie flirtend. Fast so wie Pippo Inzaghi, der – mit dem kauenden kauernden Ancelotti an der Seitenlinie – die Bayern eine Runde später aus dem Wettbewerb schießen wird. Davongeschlichen wie von der Idee, dass nun auch andere Bundesligisten einen Stürmer verpflichten können, der drei Tore gegen sie geschossen hat – und das dann einfach klappt. Fragt etwa mal auf Schalke und bei Teemu Pukki nach.

Makaay war ein Phantom, auch wenn dieses Phantom 2007 im Begriff war, allmählich aus München zu verschwinden. Manchmal sah man den Niederländer 90 Minuten nicht, ehe er plötzlich auftauchte, an diesem Mittwochabend dauerte das nur 10,12 Sekunden. Auf dem Weg ins Viertelfinale der Champions League, dank der ausgemerzten Auswärtstorregel. Und gewissermaßen auch auf dem Weg in die folgende UEFA-Cup-Saison. Zeit bleibt einfach schwer zu greifen.

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