Sandor Kocsis: IM SCHATTEN DES KOPFES

Im grandiosen ungarischen Innensturm der 1950er Jahre galt Sandor Kocsis als bis heute größter Kopfballspezialist, was gleichermaßen würdig und ungerecht ist. Weitaus tragischer waren seine letzten Jahre.

4. Juli 1954. Das WM-Finale von Bern ist 57 Minuten alt, als Mihaly Toth den rechten ungarischen Flügel hinuntereilt und eine Flanke in die Mitte schlägt. Eigentlich zu hoch, eigentlich zu weit. Eigentlich, weil wohl jeder andere Stürmer dieser Hereingabe gen zweiter Pfosten nur genervt hätte hinterherblicken können. Aber sie fliegt ja in Richtung Sandor Kocsis.

Kocsis ist damals 24 und erlebt den Sommer seines Lebens. Im genialen Innensturm der seit vier Jahren ungeschlagenen ungarischen Übermannschaft ist er neben Ferenc Puskas und Nandor Hidegkuti zwar der am wenigsten prominente Part, was einerseits daran liegt, dass er beim denkwürdigen 6:3-Sieg in England ein halbes Jahr zuvor ausnahmsweise ohne eigenen Treffer geblieben war. Andererseits sicherlich auch an seiner reservierten Persönlichkeit. Doch die WM in der Schweiz, wo sich die beste Mannschaft der Welt gebührend krönen will, schickt sich an, zu seiner zu werden.

Während Genie Puskas in der Gruppenphase verletzt ausfällt und die “falsche Neun” Hidegkuti im Schnitt “nur” ein Tor pro Spiel schießt, trifft Kocsis zum Auftakt gegen Südkorea (9:0) dreimal, gegen Deutschland (8:3) anschließend sogar viermal. Auch zum 4:2-Sieg im Viertelfinale gegen Brasilien, in der “Schlacht von Bern”, trägt er zwei wichtige Tore bei, kurz vor Schluss macht er alles klar. Und im Halbfinale gegen Titelverteidiger Uruguay (4:2 n. V.) dann beide Tore in der Verlängerung. Was für ein Lauf.

Den Torreigen im Endspiel eröffnet, abstaubend nach einem Schuss von Kocsis, der angeschlagen zurückgekehrte Puskas. Kocsis, dem deutlich Führenden der Torschützenliste, bleibt etwas später ein Elfmeter verwehrt. Dann kommt die 58. Minute – und sein Moment. Es steht 2:2. Das zwölfte Tor im fünften Spiel? Nicht nur Ungarns, sondern auch seine Krönung? Augenhöhe mit Puskas? Alles erscheint angerichtet, die Situation ist wie gemacht für ihn. Für das Sprungwunder, für den Kopfball-Künstler. “Goldköpfchen” rufen sie ihn, weil er selbst im Halbfeld regelmäßig hoch angespielt wird, weil er den Ball per Kopf präziser verlängern kann als andere mit dem Fuß. Traumpässe mit der Stirn.

Karl Mai aus Fürth stellt den Torschützenkönig an diesem 4. Juli 1954 im Stadion Wankdorf beinahe kalt, macht womöglich das Spiel seines Lebens. Doch in diesem Moment ist er machtlos. Kocsis steigt hoch, justiert die Position seines Körpers, wie nur er es kann, spannt den Oberkörper an und köpft. Druckvoll und doch butterweich, wunderbar temperiert über Toni Turek im deutschen Tor hinweg. Das 3:2 für Ungarn ist überfällig, es rollt die zweite Druckphase, die Deutschland bisher mehr schlecht als recht übersteht. Und jetzt? Der Ball klatscht an die Latte (bei Minute 6:55).

Seine größte Chance im WM-Finale: Sandor Kocsis steigt hoch und köpft aus spitzem Winkel an die Latte. – Bild: Comet Photo AG

Honved, der Armee-Klub aus Budapest, ist die Basis für Ungarns “goldene Elf”. Weil dort fast die gesamte Nationalmannschaft zusammengeführt wird, um sich wie ein Klubteam einspielen zu können. Anders als Puskas oder Jozsef Bozsik, die dort vorher schon spielten, ist Kocsis einer von denen, die erst dazugeholt werden. Sein Stern ging bei Ferencvaros auf. Hier wurde der rechte Halbstürmer groß – und zum Nationalspieler.

Fragen kommen trotzdem auf, ob der Unscheinbare in der Supermannschaft Honved nicht untergeht. Der Mann, der eigentlich nur auf dem Platz auffällt – längst nicht nur durch seinen unglaublichen Luftstand, durch ein Genick wie ein Kugellager. Nein, auch durch ein sehr feines Passspiel, durch das Auge für Situationen, die sich erst ein, zwei Momente später ergeben. Kocsis, der sich gern zurückfallen lässt, ist ein enorm kompletter Fußballer, auch ein enorm kompletter Abschlussspieler. Doch das gilt bei Honved und in der Nationalmannschaft für einige. Das Kopfballspiel hingegen ist einmalig. Goldköpfchen eben.

Sandor Kocsis – die magyarisierte Version seines ursprünglich deutschstämmigen Namens Alexander Wagner – wird auch beim Armeeklub zur Tormaschine in vorderster Front. War vor Kocsis’ Ankunft noch Puskas in den meisten Jahren Schützenkönig geworden, heimst diese Titel nun der Neue ein. Auch dank einiger Puskas-Vorlagen, die Konstellation gibt es aber gleichwohl umgekehrt. Als Duo sind sie schlicht genial.

Schier noch genialer ist das Duo, das Kocsis auf Ungarns rechtem Flügel mit Rechtsaußen Laszlo Budai bildet. Eingeprägte Abläufe, abgestimmte Harmonie. Über rechts gelingen der goldenen Elf die meisten Durchbrüche, hier trägt Kocsis noch mehr bei als durch sein Kopfballspiel. Ausgerechnet im größten aller Spiele, im WM-Finale, wird Ungarns rechtes Duo halbiert. Teamchef Gusztav Sebes hält Budai nach den harten 120 Minuten gegen Uruguay für zu platt, er nimmt auch Linksaußen Zoltan Czibor von dessen Position, um ihn rechts spielen zu lassen. Links beginnt kläglich Ergänzungsspieler Toth, worauf Sebes die Positionen seiner Außen nach der Halbzeitpause tauscht. Aber Auswechslungen gibt es noch nicht.

Ob Kocsis den Ball in der 58. Minute eingeköpft hätte, wäre die Flanke nicht von Toth, sondern von Budai gekommen? Müßig zu diskutieren. Ungarn hat das WM-Finale 1954 verloren. Unglücklich, aber unwiderruflich. Es ist das einzige der fünf Spiele, in dem Kocsis in der Schweiz kein Tor gelingt. Und das vermeintliche 3:3 durch Puskas, von Kocsis’ Kopf erst aufbereitet, zählt inmitten einer ewig ungeklärten Abseitsfrage nicht. Es hat nicht sollen sein.

Goliath ist gefallen. Auch Kocsis’ Ruf schwindet nach einer nationalen Tragödie vorübergehend. Kocsis selbst schwindet zwei Jahre später komplett, als in der Heimat während einer Honved-Reise der große Aufstand ausbricht. Manche kehren trotzdem zurück, die ganz großen Namen nicht. Puskas taucht erst unter und schließt sich dann Real Madrid an, seine “zweite” Karriere wird die erste fast noch übertreffen. Kocsis, wie immer im Schatten des “Majors”, schlägt sich ein paar Monate in Zürich durch – und folgt, gemeinsam mit Czibor, dem Ruf von Landsmann Ladislao Kubala zum FC Barcelona.

In Katalonien prägt Kocsis eine weitere fulminante Angriffsreihe, mit der er nach fünf ungarischen Meisterschaften auch noch zwei spanische gewinnt. Und das in der Zeit des legendären “weißen Balletts”. Doch die große Chance von Bern bringt auch das nicht wieder – bis es das doch tut. Nach fünf Jahren mit fünf Titeln für die Königlichen wirft Barca den Erzrivalen 1960/61 erstmals aus dem Landesmeister-Pokal. Die Katalanen erreichen das Endspiel. Es steigt im Stadion Wankdorf.

Am Schicksalsort seiner größten Niederlage schießt das Goldköpfchen Barcelonas erstes Tor in einem ganz großen Europapokalfinale überhaupt. Mit welchem Körperteil Kocsis das tut, muss an dieser Stelle nicht weiter erläutert werden. Doch am Ende unterliegt Barca der aufstrebenden Großmacht Benfica knapp – ausgerechnet mit 2:3. Wie ein Blitz, der zweimal an derselben Stelle einschlägt.

Kocsis geht später als Legende, wohl oder übel als eine, die irgendwo ungekrönt bleibt. Sein Restaurant in Barcelona, das “Tete d’Or” (übersetzt Goldköpfchen), erfreut sich zunächst dennoch großer Beliebtheit. Bis es dann doch nicht mehr ganz ohne Fußball geht für den Mann, der unter allen europäischen Nationalspielern, die mindestens 30 Länderspiele bestritten haben, die beste Torquote hat (75 Treffer in 68 Einsätzen). Da stellt er sogar Puskas (85 Spiele, 84 Tore) in den Schatten.

Anfang der 1970er Jahre wird Kocsis Trainer in Alicante, trotzt dabei auch einer ersten Krebserkrankung. Doch bei einer bleibt es nicht. Erst geht es noch irgendwie, der Trainer gibt ein Comeback, dann wird es immer schlimmer. Irgendwann wohl unerträglich. Spätestens dann, als ihm ein Bein amputiert werden muss. Am 22. Juli 1979, zwei Monate vor seinem 50. Geburtstag, trifft Sandor Kocsis im vierten Stock eines Krankenhauses in Barcelona eine Entscheidung, die zwar nie einwandfrei bestätigt worden und doch irgendwie unvermeidbar ist. Das Goldköpfchen steht ein letztes Mal in der Luft. Hier konnte ihm keiner was.

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