Sol Campbell, im Nationaldress unterschätzt, hätte gleich zweimal zum englischen Helden werden können. Doch beide Male endeten seine Jubelläufe jäh – ohne, dass er sich etwas hätte zuschulden kommen lassen.
Dass er einer der besten und verlässlichsten englischen Verteidiger seiner Generation war, speziell mit den “Three Lions” auf der Brust, kriegt man als Einschätzung über Sol Campbell vor allem zu hören, wenn man einen ganz bestimmten Mann fragt: ihn selbst. An Selbstvertrauen mangelt es Sulzeer Jeremiah Campbell gewiss nicht.
Viele andere hingegen bringen mit ihm erst mal seinen “verräterischen” Wechsel von den Tottenham Hotspur zum Nordlondon-Rivalen FC Arsenal in Verbindung – eine sehr unpopuläre Konnotation. Treue und Anstand im Tausch für die großen Titel – oder zumindest für ein paar davon -, das kommt besonders im englischen Fußball nicht wirklich gut an. Wobei gerade der in Campbell um einen womöglich großen Helden gebracht wurde.
Am 30. Juni 1998, drei Jahre vor Campbells brisantem Vereinswechsel, hörte der große Buhmann noch auf den Namen David Beckham. Die englische Nationalmannschaft, trainiert von Glenn Hoddle, traf nach dem verpassten EM-Titel 1996 im eigenen Land im WM-Achtelfinale auf Intimfeind Argentinien, als dem Fußball-Popstar aus Manchester gegen Diego Simeone die Nerven durchbrannten – England war nur noch zu zehnt.
2:2, noch fast die gesamte zweite Hälfte zu spielen, es sah einmal mehr nicht gut aus für das viel zitierte Mutterland des Fußballs, das schließlich – natürlich – im Elfmeterschießen verlor. Obwohl es doch eigentlich ein drittes Tor geschossen hatte.
Nach einer Ecke in der 81. Minute hatte sich der damals 23 Jahre junge Campbell in den Nachthimmel von Saint-Etienne geschraubt – und eingeköpft, ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen. Der Innenverteidiger drehte mit glückseligem Gesichtsausdruck ekstatisch ab, viel emotionaler konnte man 16 Jahre nach Marco Tardelli nicht jubeln. Trotzdem zählte der Treffer nicht.

Denn Englands Mittelstürmer Alan Shearer war kurz vor Campbells Kopfball ungestüm in Argentiniens Torhüter Carlos Roa hineingesprungen, hatte ihn dabei sogar am Kopf getroffen. Wäre das Tor auch so gefallen? Wahrscheinlich schon. War es trotzdem richtig, die Szene abzupfeifen. Wohl auch. Bitter für Campbell.
Aber anscheinend noch nicht bitter genug.
Der angefeindete Abwehrhüne hatte sich inzwischen den Gunners angeschlossen und mit ihnen zwei Meisterschaften und zwei Pokalsiege gefeiert, als die Three Lions samt ihrer herausragenden Generation mindestens so vergoldet werden sollten wie die eigens angefertigte kleine Liga-Trophäe von Arsenals “Invincibles”. Die EM 2004 stand an – und Campbell in allen Spielen auf dem Platz.
Auch im Viertelfinale gegen Gastgeber Portugal, in dem Nordlondons “Verräter” ein Déjà-vu verzichtbarster Prägung erlebte. Es stand 1:1, die Verlängerung drohte – und natürlich das Elfmeterschießen, das den Engländern einmal mehr das Genick brechen würde. Es hätte ihnen erspart bleiben können, hätte Campbells Jubel sechs Jahre nach Saint-Etienne nicht auch in Lissabon wieder im Keim ersticken müssen.
Diesmal war es eine Freistoßflanke, von Beckham getreten, die Campbell zunächst mit der Schulter an den Querbalken beförderte, um höchstselbst erfolgreich nachzusetzen. Natürlich ließ der vermeintliche Matchwinner seinen Emotionen wieder freien Lauf. Und abermals lag das, was folgte, nicht an ihm.
Nebenmann John Terry hatte im Luftkampf seinen Arm über den portugiesischen Torhüter Ricardo gelegt und diesen dadurch entscheidend behindert, was Schiedsrichter Urs Meier – in einer Zeit vor dem VAR – übrigens gar nicht gesehen hatte. Doch der Schweizer verließ sich auf seinen Instinkt. “Das Gesamtbild stimmte nicht, der Torhüter war nicht zu sehen”, erklärte Meier seine Wahrnehmung der Szene einmal, nach der er mutig, aber richtig entschied. Was ihn vor Morddrohungen von der Insel und mehreren Tagen Polizeischutz leider ebenso wenig schützte wie Campbell (“Ich denke noch oft an diese Tore”) die VAR-lose Zeit vor geahndeten Vergehen seiner ballfernen Kollegen.
“Lightning strikes twice”, titelte der “Guardian” am Tag nach dem erneuten englischen Ausscheiden, am Tag nach dem erneuten “Ne, doch nicht”-Moment für einen verhinderten Helden, für den ihn in seinem Heimatland die wenigsten Fußballfans halten. Selbst kaum die des FC Arsenal, obwohl der Blitz im Champions-League-Finale 2006 gegen Barcelona kein drittes Mal an selber Stelle einschlug. Campbell köpfte die Gunners in Führung, und diesmal zählte sein Tor. Bloß drehte Barca das Endspiel in Überzahl, wozu wegen eines Abseits-Tores von Samuel Eto’o – ungeahndet – noch nicht mal ein Elfmeterschießen nötig war.
In Tottenham werden sie es verkraftet haben.
