Der beste griechische Fußballer, den es bisher gegeben hat, machte für Griechenland lange Zeit nur ein einziges Länderspiel. Dass Vassilis Hatzipanagis nicht noch größer rauskam, hatte vor allem sein Klub zu verantworten.
Das Gedränge am Flughafen war eine absolute Ausnahmesituation – und doch nur Vorbote. Als sich im Dezember 1975 dann rund 50.000 Neugierige in eine Betonschüssel quetschten, um zum ersten Mal einen 21-Jährigen zu sehen, von dessen Wundertaten sie bislang nur gehört hatten, war die Tür für mindestens 15 fanatische Jahre geöffnet. Den Fußballverrückten in Thessaloniki war der Heiland erschienen.
Besagter 21-Jähriger hörte auf den Namen Vassilis Hatzipanagis, und er war Grieche, so wie sie. Nun ja, oder auch ein bisschen anders. Denn mit seiner Heimat war der junge Fußballer bis dato eigentlich nur im Exil in Berührung gekommen. Wegen des griechischen Bürgerkriegs Ende der 1940er Jahre waren die Eltern Hatzipanagis geflüchtet und im heutigen Usbekistan gelandet. In Taschkent, wo Vassilis 1954 das Licht der Welt erblickte.
Die Kindheit ist ein wenig unbekümmerter als sie das in Griechenland womöglich hätte sein können, irgendwann dreht sich fast alles um Fußball. Bei Paxtakor Taschkent, obwohl für gute Jugendarbeit bekannt, staunen sie nicht schlecht, als sie sehen, was dieses Talent mit den unzähmbaren Locken am Ball in der Lage zu vollbringen ist. Sein instinktives Spiel ist längst nicht so linientreu wie vieles andere in der Sowjetunion, doch selbst dort scheinen die Regeln von Ausnahmen bestimmt zu werden. Wenn auch nicht alle.
Als Vassilis der Jugend entwächst und mit 17 Jahren an der Schwelle zur ersten Mannschaft steht, muss er die sowjetische Staatsbürgerschaft annehmen, um im Elitefußball überhaupt mitmachen zu dürfen. Eine in diesem Fall überschaubare Hürde. Vassilis lässt sie stehen wie einen hüftsteifen Verteidiger. Der dribbelwütige Linksfuß, Außenstürmer, führt Paxtakor in die höchste sowjetische Spielklasse, in der sonst kein anderer usbekischer Verein spielt, und verblüfft die ganze Liga. Schnell erhält er erste Preise – und wird in der Qualifikation für das olympische Fußballturnier 1976 sogar zum sowjetischen Nationalspieler.
Am Endturnier in Montreal wird Vassilis nicht mehr teilnehmen. Als sich die Lage in Griechenland nach dem Ende der Militärdiktatur beruhigt, kehrt Familie Hatzipanagis 1975 in ihre Heimat zurück – und Vassilis mit ihr. Er sieht keine Gründe gegen diese Entscheidung, höchstens vielleicht den, vor dem ihn der sowjetische Nationaltrainer Konstantin Beskow eindringlich warnt: “Das Niveau der griechischen Liga liegt weit unter deinem”, redet Beskow auf den Himmelsstürmer ein, über dem im sowjetischen Fußball der Mitt-Siebziger definitiv eigentlich nur Ballon-d’Or-Gewinner Oleg Blokhin fliegt. Doch Vassilis’ Entscheidung steht fest. Und Thessaloniki steht Kopf.
PAOK und Aris sind heute größer, Iraklis ist zumindest der älteste Klub der Stadt. Dort, es ist nicht die beste Adresse, kommt Hatzipanagis unter. Um nicht zu sagen der “Nurejew des Fußballs”, weil er sich auf dem Platz so bewegt wie der große sowjetische Balletttänzer. Später würden sie ihn, und manche Bewegungen sind sich tatsächlich verblüffend ähnlich, den “griechischen Maradona” nennen. Obwohl die Götterdämmerung im Norden Griechenlands bereits eintritt, als das sechs Jahre jüngere argentinische Original noch nicht einmal Profi ist.
Heimspiele von Iraklis werden rasch zu Zusammenkünften des Staunens. Beskow wusste, wovon er sprach, Hatzipanagis ist für die griechische Liga einfach zu gut. Was er auch überhaupt nicht für sich behalten kann. “Wenn ich Verteidiger vor mir sehe, will ich sie alle ausdribbeln”, gesteht der Ballzauberer offen. In den Zeitungen wird nicht nur einmal die vollkommen ernst gehegte Vermutung abgedruckt, dass Vassilis mehrere Verteidiger sogar in einer Telefonzelle aussteigen lassen könnte.
Natürlich dauert es nur wenige Monate, bis der heimgekehrte Sohn erstmals auch für die griechische Nationalmannschaft aufläuft – und gleich für lange Zeit auch letztmals. Nach einem Freundschaftsspiel gegen Polen 1976 stellt sich schnell heraus, dass Hatzipanagis wegen seiner Einsätze für die sowjetische Auswahl in Griechenlands Trikot gar nicht spielberechtigt ist. Und der Weg zurück ist auch verbaut, hatte Vassilis die sowjetische Staatsbürgerschaft im Zuge seines Vereinswechsels gen Griechenland abgelegt. Eine bittere Pille. Nicht die einzige, die er schlucken muss.
Eine Folge des doch recht improvisierten Wechsels zu Iraklis ist ein in seinen Details fataler Vertrag, den Hatzipanagis auch einem zwielichtigen armenischen Spielervermittler zu verdanken hat. Zunächst war alles erstaunlich reibungslos verlaufen – zu reibungslos, wie sich herausstellen sollte. Iraklis war schwarz auf weiß dazu ermächtigt, den Vertrag jederzeit auf zehn Jahre auszudehnen, ohne, dass Vassilis zustimmen musste. Und ohne, dass er sich dagegen hätte wehren können – was er in seiner Anfangszeit in Griechenland vergeblich versucht, sogar vor Gericht. Rechtlich hat er keine Chance.
Über die Jahre zeigt sich der FC Porto am Superdribbler interessiert, auch Lazio Rom, aus Deutschland der VfB Stuttgart. Als er sich 1977 in England aufhält, einer Reha wegen, trainiert er beim FC Arsenal mit. Die Gunners wollen Vassilis, und er will auch. Doch Iraklis hat natürlich etwas dagegen. Selbst gegen einen Wechsel zu einem stärkeren griechischen Verein. Das Tafelsilber bleibt, unwiderruflich. Mit Panathinaikos hätte Hatzipanagis wenigstens international spielen können.
Derlei Chancen verhindert irgendwann auch Vassilis’ immer stärkeres Band mit den Fans, die ihr Glück kaum fassen können. Im Zwei-Wochen-Rhythmus platzt das Kaftanzoglio-Stadion fast aus allen Nähten, und selbst die hartgesottensten Iraklis-Anhänger fragen sich, ob sie bei knappen Führungen in den Schlussminuten wirklich den Schlusspfiff herbeisehnen sollen. Weil der doch bedeuten würde, dass auch Hatzipanagis aufhören müsste zu spielen. Bis heute nennen sie die Zeit zwischen 1975 und 1990 schlicht die “Vassilis-Jahre”.
Gleich im ersten beschert ihnen der “Alien” einen Pokalsieg, ansonsten bleiben Titel jahrelang aus. Weil Iraklis eben kein Topteam ist – und Fußball trotz allem ein Mannschaftssport. Hatzipanagis hinterlässt viele Geschichten, Anekdoten. Auch manch Fabelrekord, allein in der Saison 1982/83 soll er sechs oder sieben Ecken – je nach Überlieferung – mit seinem magischen linken Fuß direkt verwandelt haben. Sein Ruf ist schon zu aktiven Zeiten zumindest so besonders, dass er 1984 in einer Weltauswahl mitspielen darf. An der Seite von Franz Beckenbauer, Mario Kempes oder Kevin Keegan. Ein erlauchter Kreis, in den “Vasia” für die, die ihn regelmäßig spielen sahen, locker reingehört.
Vielleicht haben sie, die ihren Helden vergöttern wie die Neapolitaner Maradona, sogar Recht. Als 2003 alle europäischen Fußballverbände zum 50-jährigen Jubiläum der UEFA ihren besten aller Spieler küren sollen, entscheidet sich der englische für Bobby Moore. Der niederländische wählt Johan Cruyff, der ungarische Ferenc Puskas, der portugiesische Eusebio. Der hellenische Fußballverband kürt Vassilis Hatzipanagis.
Der Gekürte, der lange nach seiner Karriere als Geste noch ein zweites Freundschaftsspiel für Griechenland bestritt, wird plötzlich ganz sentimental. “Es bewegt mich sehr, dass ich nicht vergessen wurde”, bedankt er sich. Ein bittersüßer Moment. “Heute bereue ich es, dass ich nie im Ausland, nie in besseren Ligen gespielt habe”, fährt Hatzipanagis nämlich fort. “Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich manche Dinge anders machen.”
Ob sich das irgendwann auch seine Eltern dachten? In den 1960er Jahren hatten sie kurz davor gestanden, nach England auszuwandern. Wer weiß, wie groß Griechenlands Größter dann geworden wäre.
