WARUM AUSGERECHNET SCHNELLINGER?

Sein später Ausgleich ließ das WM-Halbfinale 1970 gegen Italien erst zum “Jahrhundertspiel” werden. Aber Karl-Heinz Schnellinger, der heute 85 wird, hat nicht nur diese Verbindung zu “seinem” Schlagwort.

Tja. Ausgerechnet Schnellinger war es, der urplötzlich – wobei in der Nachspielzeit von urplötzlich zu sprechen, sicherlich nicht ganz richtig ist – vor dem italienischen Tor auftauchte. Nicht etwa Gerd Müller oder Uwe Seeler, deren mögliches oder unmögliches Zusammenspiel vor dem Turnier bis zum Erbrechen diskutiert worden war. Dort, wo nach der Flanke von Joker Jürgen Grabowski, der ausgerechnet in diesem Spiel von Beginn an spielen durfte, gefälligst ein Stürmer zu stehen hatte, stand der zuvor so zurückhaltende Libero Schnellinger – und sprunggrätschte ein.

Ausgerechnet ihn, den Serie-A-Legionär, hatten die azurblauen Abwehrrecken aus den Augen verloren und mutterseelenallein gelassen. Sodass der markante Blondschopf aus Düren (Wie konnte man den übersehen?), der seine Haare in Fülle und Farbe bis heute behalten hat, gar nicht anders konnte als per unverhofftem Ausgleich die Verlängerung zu erzwingen. Um ausgerechnet aus einem “absoluten Scheißspiel” (seine eigene Aussage) das allgemein betitelte “Jahrhundertspiel” werden zu lassen.

Ausgerechnet einen, der nur ein einziges Länderspieltor schoss, hat dieses eine für das vollständige Erzählen der deutschen Fußballgeschichte unverzichtbar gemacht. “Ich habe immer schon gesagt: Das Tor, das war ein Geschenk vom lieben Gott. Dass sich die Leute immer daran erinnern werden und keiner an mir vorbeikommt.”

Dabei hatte Schnellinger weit mehr geleistet, hatte vier (!) sehr respektable Weltmeisterschaften gespielt. Allerdings ausgerechnet zwischen 1958 und 1970, sodass er sich zu den wenigen deutschen Fußballlegenden zählen muss, die nie Weltmeister wurden. Naja.

Ausgerechnet Schnellinger, der gerne mal zynisch, schnippisch oder gar aufbrausend werden kann, hatte die bittere Niederlage gegen England im WM-Endspiel 1966 trotzdem schnell abgehakt. Womöglich weil ausgerechnet ein fairer Sportsmann wie er im Viertelfinale gegen Uruguay (4:0) beim Stand von 0:0 den Ball mit der Hand von der eigenen Torlinie geschlagen hatte – ohne Konsequenzen. Und wahrscheinlich auch, weil er – über Mantova und die Roma kam er 1965 zu Milan – in der Lombardei Titel um Titel bejubeln durfte.

Ausgerechnet ein Verteidiger gilt neben Toni Kroos noch heute als bester deutscher Legionär überhaupt. Der Deutschland ausgerechnet 1963, unmittelbar vor der Premieren-Saison der Bundesliga, den Rücken gekehrt hatte und in die stärkste Liga der Welt nach Italien gewechselt war.

Zu diesem Zeitpunkt war Schnellinger amtierender Ballon d’Or-Dritter – ausgerechnet nach dem Jahr, in dem Deutschland eine WM 1962 zum Vergessen erlebt hatte, die aufzeigte, dass der deutsche Fußball einen – jawoll – Umbruch benötigte. Der in Form der neuen Profi-Liga auch folgte, die ausgerechnet Schnellinger, 1962 Meister mit dem 1. FC Köln, energisch gefordert hatte.

Sein internationales Ansehen noch vor dem Wechsel sprach für Schnellinger, der als Rechtsfuß irgendwann ausgerechnet auf die Linksverteidiger-Position gestellt worden war und sich, damals typisch deutsch, ohne großes Murren angepasst hatte. Ausgemachte Stärken waren Stellungsspiel und Timing, sodass “Carlo”, auch wenn er nicht wie Franz Beckenbauer über den Platz schwebte, manchmal sogar elegant wirkte. Und gelegentlich doch den Libero gab, dann allerdings den reinen Ausputzer. In San Siro feierte er Meisterschaft, Pokal, diverse Europapokale und den Weltpokal.

Ausgerechnet eine Größe wie Schnellinger – und leider längst nicht nur ihn – vermochte der DFB im “Leben danach” nach allen Regeln der Kunst zu vergraulen. Gerade von höchster Ebene ist der inzwischen 85-Jährige enttäuscht: “Ich wurde nur gerufen, wenn es brannte, wenn einer fehlte, wenn sie mich brauchten. Wer kümmert sich im deutschen Fußball schon um die Älteren?”

So lebt er schon seit Jahren in Norditalien, Segrate, Mailänder Umland. Und man kann sich wohl ausrechnen, dass Karl-Heinz, Carlo, “Ausgerechnet” Schnellinger genauso wenig zurückkommen wird, wie er sich von “seinem” Schlagwort abwenden kann. Will er ja auch gar nicht.

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