WERDER. WESER. WUNDER.

Sobald Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre im Weserstadion das Fluchtlicht anging, bog Werder Bremen manch aussichtslosen Rückstand um. Die “Wunder von der Weser” gingen in die Geschichte ein.

Moskau im Oktober 1987. Überall Nebel. Diese Laune der Natur, die ein Jahr später die AC Mailand retten sollte, war unnachgiebig, ebenso das sowjetische Bodenpersonal. Die Maschine mit Werder Bremen an Bord, auf dem Weg zum UEFA-Cup-Zweitrundenmatch gegen Spartak, durfte nicht landen.

Es ging zurück ins heutige Vilnius, die Hauptstadt Litauens, wo die Mannschaft in einem Zollhaus übernachtet, am nächsten Morgen in einem Bus vergeblich auf grünes Licht wartet und schließlich zurück nach Bremen muss. Als das Hinspiel in Moskau eine Woche später im zweiten Anlauf stattfindet, kommen entnervte Werderaner unter die Räder. Also alles wie immer. In den vergangenen Jahren hatte sich der SVW stets früh aus Europa verabschiedet.

“Die haben uns regelrecht kaputtgerannt”, erinnert sich der damalige Rechtsverteidiger Thomas Schaaf Jahre später mit seinen Mitspielern Oliver Reck und Mirko Votava bei “11 Freunde” an die Vorgeschichte des ersten “Wunders von der Weser”. Als es nach dem 1:4 im Hinspiel “gar nichts gab”, so Schaaf, “was einem irgendwie Hoffnung machte”.

Es war ein behäbiger Bremer Auftritt gewesen, bei dem Torhüter Reck zwar den gefrorenen Boden beklagte, doch der konnte an Recks Fehler vor dem 0:1 nicht Schuld gewesen sein. Verunsicherung prägte das Auftreten der Mannschaft von Otto Rehhagel – wohl mit Ausnahme von Routinier Manfred Burgsmüller, der mit einem frechen Heber wenigstens ein Auswärtstor besorgte. Doch 1:4 war deutlich.

“Diese Blamage wollten wir auf keinen Fall so stehen lassen”, umschrieb Schaaf die Nachwehen in einer der damals besten deutschen Mannschaften, in der “wir uns intern ordentlich gezofft haben”, wie Votava verriet. “Das war wichtig, um wieder Zug in die Sache zu kriegen.” Zug, der vor allem von innen kommen musste. Denn von außen sah es anders aus.

An diesem 4. November 1987, ein typisch norddeutsch ekliger Herbstabend, war das Weserstadion nicht ausverkauft. “Das gab es zu der Zeit nur, wenn wir gegen Bayern oder den HSV gespielt haben”, erklärt Reck. Doch die Kulisse mit teilweise nur spärlich besetzten Rängen täuschte. “Wenn im Weserstadion das Licht anging”, so Schaaf, “eröffnete sich eine andere Welt. Dann machten 16.000 so viel Krach, als wäre das Stadion proppenvoll.”

Werder-Historie: Trainer Rehhagel, Spieler Schaaf. – Bild: bundesliga.de

Werders späterer Doubletrainer ist ein nüchterner Typ, würde sich vor allem die eigenen Geschichten nicht als Heldensagen auftischen lassen. Doch er sagt: “Wenn man Wunder so definiert, dass Dinge passieren, die unmöglich vorauszusehen sind, gibt es im Fußball definitiv welche.” Als ausgerechnet vor dem Rückspiel in Bremen Spartaks Schlussmann Rinat Dassajew als bester Torhüter Europas ausgezeichnet wurde, waren Schaaf und Co. endgültig bereit, ein solches zu vollbringen.

Bereits nach zwei Minuten offenbarte Dassajew bei einer Ecke Unsicherheiten, das 1:0 durch Frank Neubarth war ein halbes Eigentor. Nach zehn Minuten, wieder Neubarth, stand es 2:0. Bei diesem Treffer funktionierte das, was Schaaf die “Werder-Tugenden” nennt: “Das schnelle Spiel über die Flügel, die Stürmer am ersten und am zweiten Pfosten.” In Votavas Worten: “Volle Konzentration auf unsere Spielweise der kontrollierten Offensive.” Jetzt ging es Spartak so wie Werder in Moskau.

Es spielte fast nur der SVW. Die Lufthoheit seiner Stürmer Neubarth und Karl-Heinz Riedle war gnadenlos, das 3:0 machte aber Frank Ordenewitz. Damit wäre Werder weiter gewesen. Zunächst fürchtete Grün-Weiß daher nur einen “Gegner”, den man bereits kannte: den Nebel. “Es bestand die Gefahr, dass das Spiel abgebrochen wird”, erinnert sich Schaaf. Denn die Regel besagte, dass man von der Mittellinie aus immer beide Tore erkennen können musste. “In der zweiten Hälfte war das nicht immer der Fall”, gesteht Reck.

Doch aufgepasst: Spartak wurde stärker. Belohnte sich mit einem Tor. Nur noch 3:1. Zu wenig. Es lief bereits die 78. Minute, als auch Gunnar Sauer die Kopfballschwäche der Sowjets ausnutzen konnte und eine Maßflanke von Jonny Otten überlegt einnickte. 4:1, Verlängerung. Alles oder nichts. Doch Werder spielte an der Weser, das Flutlicht war an. Bremer Spiel über die Außen, Riedle unwiderstehlich, Burgsmüller einmalig aus der Drehung. Das 6:1 bejubelte auch Rehhagel auf dem Rasen – als er zurück auf seinem Platz war, stand es 6:2. Doch das reichte. Werder war weiter. Und ein Mythos geboren.

Die Aufholjagd gegen Moskau war ein einschneidendes Erlebnis. Ein Schub für das Grundvertrauen; eine Erfahrung, die beflügeln konnte. Die schon ein Jahr später beflügeln musste, weil Werder als deutscher Meister im großen Europapokal das deutsch-deutsche Hinspiel beim BFC Dynamo mit 0:3 verloren hatte. Gegen Thomas Doll, Andreas Thom, Frank Pastor und eine Geradlinigkeit im Konterspiel, die selbst Werder beeindruckte. Doch die BFC-Stürmer hatten einen Fehler gemacht.

“Ich weiß noch, wie die Dynamo-Spieler auf die Zäune kletterten und mit den Fans feierten”, schmunzelt Votava. “Das bleibt im Kopf. Dafür will man sich revanchieren.” Und nicht nur das. “Das Match war schon ziemlich aufgeladen, Klassenkampf, Ost gegen West”, erzählt Schaaf. Und so halfen alle mit. Auch Manager Willi Lemke, der die Ost-Berliner am Nachmittag vor dem Spiel in die Bremer Innenstadt einlud, wo sie mit einem “Werder-Rabatt” günstig einkaufen durften. Nagelneue West-Produkte. “Wir haben uns mehr Gedanken über unsere Elektrogeräte gemacht als um den Anpfiff um 20 Uhr”, grämte sich später Doll einmal.

Und dann gab es noch den Faktor Angst. Burgsmüller trat kurz vor Anpfiff wie ein Verrückter gegen die Berliner Kabinentür und brüllte: “Kommt raus, ihr Feiglinge, jetzt seid ihr dran!” Auf dem Platz übernahm Haudegen Uli Borowka, dessen grenzwertige Gewaltgrätschen meist als Zeichen zum Angriff zu verstehen waren. Und ab ging die Post. Mit Tempo über außen, mit der richtigen Strafraumbesetzung. Viel mehr Taktik war unter Rehhagel nicht. Er löste das anders.

“Otto wusste, wie er aus Spielertypen das Optimale herauskitzelt”, lobt Votava – und diese Spielertypen stellte Rehhagel ideal zusammen. “Keiner konnte höher springen als Bratseth, keiner war technisch beschlagener als Rufer, keiner bekloppter als Basler”, schwärmt Reck von den “einzigartigen Charakteren” in diesen Jahren. Der spätere Trainer Schaaf erkannte bei seinem Lehrmeister “die Gabe zu erkennen, welche Fertigkeiten ein Spieler mitbringt – und aus diesen Spielern ein Team zu formen”. In dem sich alle ergänzten und jeder wusste, was er zu tun hat.

Diesem Team hatte der BFC in Bremen kaum noch etwas entgegenzusetzen. Außer Torwart Bodo Rudwaleit, der hielt, was er halten konnte und der bis zur Pause tatsächlich nur durch einen Elfmeter von Michael Kutzop überwunden wurde. So würde das nichts werden. Doch in diesen speziellen Flutlichtnächten machten die Einzelbausteine des eingespielten Bremer Ensembles dann manchmal mehr, als sie eigentlich zu tun hatten. “Manni (Burgsmüller) fing plötzlich an zu grätschen”, lacht Votava.

Am 11. Oktober 1988, das deutsch-deutsche war ein Erstrunden-Duell, passierten noch weitere Wunderdinge. Günter Hermann traf den Ball kurz nach der Pause per Volley so traumhaft, dass sich selbst Rudwaleit vergeblich streckte, während auf der Gegenseite Doll das leere Tor verfehlte. Weser-Magie. Allein Dynamos Rückhalt war über 90 Minuten zu wenig, Riedle und Burgsmüller ließen den BFC unter dem Druck schließlich zusammenbrechen. Werders Glaube konnte dieser Tage Berge versetzen – das galt auch für Rechtsverteidiger Schaaf, der mit einem strammen Schrägschuss den 5:0-Endstand besorgte.

Es waren besondere Jahre in dieser Konstellation. Das dritte Wunder gelang sogar innerhalb eines Spiels. Am 8. Dezember 1993, in einer wichtigen Gruppenpartie in Werders erster Champions-League-Saison, lagen die Bremer gegen den RSC Anderlecht zur Pause mit 0:3 hinten. An der Weser. “Wir sind noch nie so vorgeführt worden”, klagte Borowka, ein Gegentor fiel deprimierender als das andere. Doch nicht nur Reck wusste: “Wir gewannen über die Jahre die Überzeugung, Spiele noch drehen zu können. Irgendwann war uns klar, dass ein Spiel erst verloren ist, wenn der Schiedsrichter abpfeift.”

Bei manchen Zuschauern war das anders. Nur noch 10.000 von ihnen sahen mit eigenen Augen, wie Wynton Rufer, Bernd Hobsch und Marco Bode aus dem 0:3 zwischen der 66. und der 89. Minute tatsächlich noch ein 5:3 machten. Selbst schuld, wer da das Stadion verlässt. Sie mussten es doch besser wissen.

Zwar holte Werder nach keinem seiner Wunder-Spiele auch den Titel, trotzdem sprangen in diesen Jahren zwei Meisterschaften, zwei Pokalsiege und der Europapokal der Pokalsieger 1992 heraus – Letzterer vor spärlich besetzten Rängen, als gegen Arsene Wengers AS Monaco kaum einer auf den SVW gesetzt hätte. Das lag den Bremern eben.

Noch eine Generation später kam es am 7. Dezember 1999 zu einer Partie, die manche zu den “Wundern von der Weser” zählen. Nach einem 0:3 im Hinspiel in der dritten Runde im UEFA-Cup besiegte der SV Werder Olympique Lyon in Bremen spektakulär mit 4:0. An der Seitenlinie freute sich ein Trainer-Neuling: Thomas Schaaf.

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