WIE GUT WAR MICHEL PLATINI BEI DER EM 1984?

Michel Platini genügte eine EM, um Rekordtorschütze des Wettbewerbs zu werden. Aber wie gut – und wie überhaupt – spielte “Le Roi” beim Triumph im eigenen Land? Eine ausführliche Analyse.

Wenn er als “Weltmeister der Jahre 1983, 1984 und 1985” bezeichnet wurde, hatte Michel Platini das nur bedingt als Kompliment zu verstehen. Nur dann, wenn es für einen Spieler seines Kalibers nicht so richtig zählte, habe er triumphiert. In Jahren, in denen es natürlich keine Weltmeisterschaften gab. Im damals wie heute prestigeträchtigsten aller Wettbewerbe scheiterte “Le Roi” 1982 und 1986 jeweils im Halbfinale an einer weniger begabten deutschen Mannschaft.

Doch in der Zwischenzeit, also von 1983 bis 1985, war der als Funktionär später umstrittene Franzose so etwas wie Europas Antwort auf Diego Armando Maradona gewesen. Als Mittelfeldspieler wurde Platini in der Serie A, damals DIE Liga des Weltfußballs, dreimal hintereinander Torschützenkönig. Weshalb er ziemlich folgerichtig – auch dank dreier europäischer Endspiele (zwei Siege) – dreimal hintereinander den Ballon d’Or verliehen bekam.

Eindeutiger Höhepunkt seiner besten Jahre war ein Turnier, das weniger, aber nicht viel weniger “wert” war als die Weltmeisterschaft: Die Europameisterschaft 1984, für Platini und die Franzosen im eigenen Land. Bis heute gelten die Leistungen des Spielmachers in fünf teils spektakulären Partien zwischen Paris, Nantes, Saint-Etienne und Marseille als beste, die bisher ein einzelner Spieler bei einer EM ablieferte.

In den vergangenen Wochen habe ich sie noch einmal unter die Lupe genommen.

Der Hoffnungsträger

Glaubt man Karl-Heinz Rummenigge, der mit derartigen Eingeständnissen in der Regel eher geizt, hätte die AS Saint-Etienne das Landesmeister-Finale 1976 gegen den FC Bayern München gewinnen müssen. Es wäre eine große Ausnahme gewesen, denn in den 1960er und 1970er Jahren war der französische Fußball “ein Desaster” (Platini). Nicht besonders gut, vielmehr geradezu irrelevant.

Als sich der im Juni 1955 geborene Platini, Enkel italienischer Einwanderer, Anfang der 70er also allmählich als außergewöhnliches Talent herauskristallisierte, war der Tenor der französischen Fußballöffentlichkeit schnell klar: Dieser junge Mann sollte Frankreich wieder auf die Landkarte der schönsten Nebensache der Welt befördern.

Diese Erwartungshaltung legte die Messlatte ziemlich hoch und trug nicht gerade zu Platinis Popularität bei, auch das frühe Ausscheiden bei der WM 1978 wurde fast ausschließlich ihm angekreidet. In vielen Stadien wurde er angefeindet – und auf dem Platz dementsprechend bearbeitet. Was in Kombination mit einer gewissen Fragilität ganz und gar nicht förderlich war. Immer wieder, bereits in jungen Jahren, wurde der Feingeist von schweren Verletzungen zurückgeworfen (fünf Beinbrüche, Karriereende mit 31).

Doch die Qualität setzte sich durch, was auch für Hoffnungsträger Platini galt. Nach Nancy und Rekordmeister Saint-Etienne ab 1982 auch bei Juventus Turin, nachdem er Frankreich bei der WM 1982 durchaus überraschend bis ins Halbfinale geführt hatte. Dieser Erfolg sowie Platinis Durchbruch als bester Spieler Europas schürten vor der Heim-EM 1984 einen gewissen Druck. Frankreich erwartete seinen ersten großen Titel, in erster Linie von Platini.

Die Mannschaft – und Platinis Rolle

Allein auf weiter Flur war das Pass- und Freistoßgenie allerdings nicht. Auch um ihren Star herum entwickelte sich die französische Nationalmannschaft zur spielerisch wohl schönsten und talentiertesten Europas.

Was Michel Hidalgos Equipe Tricolore mit der begeisternden und bei der WM 1982 ebenfalls scheiternden Selecao Tele Santanas verband: Eine ordentliche, offensivstarke Abwehr, ein Vier-Mann-Mittelfeld der Extraklasse – und ein bestenfalls durchschnittlicher Angriff. An diesem Punkt war (wie Zico in Brasilien) Monsieur Platini gefordert.

Frankreich realtaktisch bei der EM 1984, hier im Eröffnungsspiel gegen Dänemark.

Im “magischen Viereck”, das Arbeitstier Luis Fernandez, Stratege Jean Tigana, Wusler Alain Giresse und eben Platini bildeten, positionierte sich Letztgenannter ein wenig höher als bei Juve. Die Präsenz seiner drei kongenialen Mitstreiter gerade im Aufbau und beim Einleiten von Angriffen erlaubte es Platini im letzten Drittel, die von ihm verlangte Rolle als eine Art hängende zweite Spitze auszufüllen, die durch späte Läufe und Aufenthalte im Neunerraum kompensieren sollte, dass die nominellen französischen Angreifer entweder über den Flügel kamen oder anderweitig auswichen und “mitspielten”.

Die harmlosen Stürmer Bruno Bellone, Bernard Lacombe, Didier Six und Dominique Rocheteau blieben 479 von 480 Turnierminuten lang ohne einen einzigen Treffer, bis Bellone in der letzten des Endspiels, bereits bei französischer Führung, von aufgerückten Spaniern profitierte und deren Torhüter Luis Arconada überheben konnte.

So war es bei der EM 1984 weniger Platinis Aufgabe, sich den Ball am eigenen Strafraum abzuholen und überall hin zu verteilen (auch wenn das ab und an passierte), wie er es in Turin regelmäßig tat. Stattdessen blieb der Spielmacher bei eigenem Ballbesitz meistens mobil im Zehnerraum – oder hielt sich, wenn Frankreich kollektiv aufrückte, noch weiter vorne auf. Von ihm, der sich defensiv nur punktuell engagierte, der aber im Konterspiel weiterhin eine tiefere, zentrale Rolle einnahm, wurde in erster Linie das Kreieren von Toren verlangt. Gerne auch in letzter Instanz.

Vorrunde

Wenn sich Sepp Herberger geirrt und Frankreichs Auftaktspiel gegen Dänemark keine 90 Minuten gedauert hätte, für Platini und die Franzosen wäre es 1984 möglicherweise anders gekommen. Denn die rigorose Manndeckung der Dänen durch Klaus Berggreen isolierte Frankreichs Nummer zehn ziemlich erfolgreich vom Rest der Mannschaft, in der ersten Hälfte fand Platini kaum statt.

Doch nach dem Seitenwechsel hatte sich Platini, der sich an Wolfgang Rolff und das verlorene Landesmeister-Finale 1983 erinnert haben durfte, besser auf sein Schicksal eingestellt und arbeitete fortan erfolgreich mit ein, zwei schnellen Kontakten. So öffnete er Räume und Situationen für seine Mitspieler, denen er außerdem durch das Wegziehen seines Bewachers im Zentrum mehr Platz verschaffte. Seine cleveren späten Läufe in den Strafraum waren ohnehin kaum zu verteidigen.

Trotz seines lästigen Manndeckers war es Platini vorbehalten, in der Schlussphase durch einen abgefälschten Schuss den 1:0-Siegtreffer zu erzielen und die Heim-EM für sich und seine Mannschaft dadurch endgültig zu eröffnen.

Das magische Viereck: Platini, Fernandez, Tigana und Giresse (v. l.). – Bild: Bernard Bisson/Sygma/Corbis

Im Abwehrverbund personell geschwächte Belgier verzichteten (wie auch alle weiteren Gegner) auf eine klare Manndeckung für Platini, der seine neuen Freiheiten zu nutzen wusste und im zweiten Gruppenspiel erstmals so richtig die Kontrolle übernahm. Er trat jetzt auch regelmäßig im mittleren Drittel in Erscheinung und organisierte dort wesentlich mehr als noch gegen Dänemark. Mindestens zwei Dinge waren bei Platini besonders typisch für einen Zehner seiner Zeit:

Zum einen war er ein sehr launischer Spieler, der sich Auszeiten nahm, der das Spiel in anderen Phasen aber komplett an sich riss. Zum anderen hielt er sich gegen den Ball meistens raus – wenn er sich jedoch situativ defensiv einmischte, kam er erstaunlich gut in viele Zweikämpfe (unsaubere Führung). Gegen überforderte Belgier präsentierte er außerdem sein herausragendes Passspiel, mit dem er sich generell eher “vorwärtsbewegte” (Doppelpässe) als durch längeres Balltreiben.

Im zweiten Gruppenspiel etablierte sich Platini auch als abgebrühter Torschütze, drei Treffer beim 5:0-Kantersieg erzielte er. Einen mit links, einen mit rechts, einen per Kopf. So auch zum Abschluss der Vorrunde gegen unangenehme Jugoslawen.

Doch im dritten Spiel, sicherlich verbunden mit einem kleinen Druckabfall, tat sich wie seine Kollegen auch ein noch tiefer in Erscheinung tretender Platini wieder schwerer. Regelmäßige Schludrigkeiten verhinderten, dass er die Kontrolle über ein Spiel übernahm, in dem die Jugoslawen in Führung gingen – und das erst in einer Phase kippte, in der ein jugoslawischer Teamdoktor, der schließlich verstarb, minutenlang direkt am Spielfeldrand reanimiert wurde. Bizarre Szenen.

Alles in allem war die Leistung gegen Jugoslawien (3:2) sinnbildlich für Platinis EM 1984: Sein launisches Spiel war “nur” phasenweise überragend und immer wieder von Unkonzentriertheiten durchzogen, in den entscheidenden Momenten schoss er Frankreich, im Stile eines Anführers, aber mit drei Toren zum Sieg. Über das gesamte Turnier präsentierte sich der 1,78 Meter große Platini übrigens als sehr guter Kopfballspieler, auch stürmertypische Laufwege und eine auffällige Cleverness beim Lösen von Verteidigern fiel auf.

Halbfinale und Finale

Frankreichs Halbfinale gegen Portugal zählt zu den unterhaltsamsten und spannendsten Spielen der EM-Geschichte. Platini dominierte eine schließlich zwei Stunden andauernde Partie früh, zeigte sein komplettes Repertoire und dirigierte die Kollegen. Er holte den Freistoß zum 1:0 heraus, den ausnahmsweise nicht er verwandelte (er überließ für Linksfuß Jean-Francois Domergue), leitete zwei Großchancen ein und hatte selbst zwei eigene.

Als physisch starke Portugiesen – mit einem überragenden Fernando Chalana – in der Verlängerung mit 2:1 in Führung gingen, war Goalgetter Platini allerdings noch kein Tor geglückt, der von seinen Mitspielern (auch in Mittelstürmerposition) immer wieder gesucht wurde, diesmal jedoch ein paar zu hektische Entscheidungen traf.

In der Schlussphase der Verlängerung wurde der im Turnierverlauf 29 Jahre alt gewordene Spielgestalter im Strafraum keinen wirklichen Schuss los, als erneut Domergue heranrauschte und das 2:2 besorgte. Kurz vor dem drohenden Elfmeterschießen war es dann “natürlich” Platini, der nach herausragender Vorarbeit von Tigana cool blieb und in der 119. Minute den umjubelten 3:2-Siegtreffer schoss. 1984 lief für ihn fast alles zusammen.

Auch im Finale gegen spielstarke Spanier wirkte Frankreich wie ein Team, das zwar tollen Fußball zelebrieren konnte, aber durchaus auch hätte ausscheiden können. Diesmal spielte der Star der “Bleus” kaum dagegen an, sodass das Endspiel zu seinen schwächeren Turnierleistungen zählte.

Auffällig: Je tiefer Platini organisierte und aufbaute, desto mehr litt die offensive Raumaufteilung dieser französischen Mannschaft darunter. Zu sehen etwa gegen die Iberer.

Tauchte er gegen Spanien im gegnerischen Strafraum auf – das hatte sich inzwischen herumgesprochen -, wurde er für beide Teams zum klaren Fixpunkt. Frankreich suchte vor allem ihn, Spanien deckte vor allem ihn. Der letzte Beweis dafür, dass der Mittelfeldspieler damals gleichzeitig erster wirklicher Stürmer der Gastgebernation war.

Wie sein erstes war auch Platinis letztes Turniertor schmeichelhafter Natur, einen ungewohnt harmlosen Freistoß ließ der ansonsten überragende spanische Schlussmann Arconada durch die Hosenträger gleiten. Die Anstrengung der EM nagte bereits merklich am physisch nie herausragenden Platini, der in der Schlussphase – per Kopf – dennoch eine große Chance auf seinen zehnten Treffer hatte.

Auch dank Bellones einzigem Stürmertor reichte es schließlich trotzdem, der für Hidalgos Frankreich, speziell aber für Platini verdiente Titel war eingefahren.

Fazit

Bei Frankreichs EM-Triumph von 1984 stachen zwei Spieler aus dem Kollektiv heraus: Michel Platini und Jean Tigana. Doch während ein Urahn Claude Makeleles oder N’Golo Kantes (offensiv womöglich der stärkste der drei) rein vom Einfluss auf das französische Spiel mit Platini mithalten konnte und die Mannschaft auch ohne Platini eine gute, wenn nicht eine sehr gute gewesen wäre, so erscheint der Titel ohne die Nummer zehn kaum vorstellbar.

So gut, schön und überzeugend man auch spielen kann – das höchste Ziel im Profifußball ist am Ende immer das Tor, der Sieg, der Titel. Ein Ergebnissport. Das große Manko dieser französischen Mannschaft war die Torgefahr, das Mittelfeldspieler Platini schier im Alleingang beseitigte. Und den Triumph somit erst ermöglichte.

Müsste ich seinen fünf Auftritten bei der EM 1984 Noten geben, käme Folgendes dabei heraus:

Dänemark, Vorrunde: Note 3

Belgien, Vorrunde: Note 1

Jugoslawien, Vorrunde: Note 1

Portugal, Halbfinale: Note 1,5

Spanien, Finale: Note 3

Zwar muss man einordnend festhalten, dass seine 480 Turnierminuten nicht von auffallend vielen genialen Platini-Momenten durchflutet waren, sodass sich dahingehend eine Parallele zu Maradonas WM 1986 erkennen lassen würde. Doch alleine die sagenhaften neun Tore in nur fünf Spielen zu oftmals essenziellen Zeitpunkten sorgten dafür, dass Platinis Performance 1984 bei einer einzelnen Europameisterschaft wohl unerreicht ist.

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