WIE GUT WAREN DIE NIEDERLANDE BEI DER WM 1974?

Die niederländische Nationalmannschaft von 1974 um Johan Cruyff gilt als eine der besten, die nie Weltmeister wurden. Wie total spielten die “Totalfußballer” wirklich? Und warum verloren sie das Finale gegen Deutschland?

Die Vorgeschichte

Die fußballerisch einflussreichste und theoretisch wohl beste Mannschaft der WM 1974 kam so ein bisschen aus dem Nichts. Das Turnier in der Bundesrepublik war erst die dritte Endrunde, an der die Elftal überhaupt teilnahm – nach 1934 und 1938. Danach war 36 Jahre Pause gewesen. Oranje war keine Fußballnation. Was auch daran lag, dass der bezahlte Fußball in Deutschlands Nachbarland erst in den 1950er Jahren zugelassen und eingeführt wurde – einige der besten niederländischen Fußballer hatten bis dahin den Weg ins Ausland gesucht. Ging kaum anders.

Bis Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre sollte sich in den Niederlanden dann einiges getan haben, was an Ernst Happels Feyenoord lag, das 1970 als erste niederländische Vereinsmannschaft den Europapokal der Landesmeister gewann – und noch mehr am Ajax Amsterdam von Rinus Michels, Stefan Kovacs und dem genialen Spielmacher/Mittelstürmer Johan Cruyff. Sie räumten – mit ihrem modernen, revolutionären “Totalfußball” – den Henkelpott in den Jahren 1971, 1972 und 1973 gleich dreimal in Folge ab.

Beim Weltturnier 1974 in Deutschland sollte Michels all die Positionsrochaden und den Rest seines so vielseitigen Spiels dann auch in die Nationalmannschaft bringen und die Stars von Ajax und Feyenoord in eine Einheit gießen – und zwar ziemlich kurzfristig. Tatsächlich übernahm der damalige Vereinstrainer des FC Barcelona die Elftal erst wenige Wochen vor der WM – zuvor hatte er sie noch nie trainiert.

So mussten Ajax-Spieler, Feyenoord-Spieler und Michels das, was sie in der Bundesrepublik zeigten, ein Stück weit doch relativ spontan zusammenstellen – und beinahe hätten sie es dort nie präsentieren dürfen. Denn in der WM-Qualifikation hatten die Niederlande großes Glück, dass ein völlig reguläres Gegentor kurz vor Schluss im letzten Spiel gegen Belgien keine Anerkennung fand. Ansonsten hätte die WM 1974 ohne Cruyff und Co. stattgefunden.

Die Formation

Die Grundordnung dieser Elftal, die von Turnierbeginn an mit einer ziemlich klaren ersten Elf spielte, war ein recht klassisches 4-3-3. Nur bedingt eines mit Libero – den gab vielmehr der ausputzende Torspieler Jan Jongbloed -, weil auch die Verteidiger nicht konsequent manndeckten. Aber Arie Haan stieß aus der hintersten Reihe oft ins Mittelfeld vor, sodass die Grundordnung zwischen einem 4-3-3 und einem 3-4-3 variierte. Die Absicherung/Restverteidigung bestand meistens aus drei Spielern.

In ihrer Grundordnung traten die Niederlande realtaktisch allerdings nur hin und wieder auf. Tatsächlich hielt Cruyff, der frei entscheiden durfte und quasi überall spielte, seine Mittelstürmerposition kaum. Ähnlich abweichend agierten die Außenverteidiger Ruud Krol und vor allem Wim Suurbier, die öfter in die Halbräume als Richtung Grundlinie zogen.

Vom Flügel ging Rechtsaußen Johnny Rep regelmäßig in die Mitte, wo Cruyff den Neuner-Raum oft unbesetzt ließ, während Rob Rensenbrink seine Linksaußenposition deutlich eher hielt. Grundsätzlich kam die Breite im Spiel mehr von den Außenstürmern als von den Außenverteidigern. Im Mittelfeld blieb der feine Passspieler Willem van Hanegem relativ stationär, während Johan Neeskens oft in die Spitze stieß und Wim Jansen – in bester N’golo-Kanté-Manier – den omnipräsenten aggressiven Abfangjäger gab – im Turnierverlauf mehr und mehr unterstützt von van Hanegem, was auch nötig war. Von der groben Grundordnung ergab das dann immer wieder eine Art 3-2-5, was längst wieder modern ist.

Die Spielidee

Michels wollte möglichst viel Kontrolle – auch wenn dieser Anspruch ob des damit verbundenen Kraftaufwands im Turnierverlauf weniger wurde. Erreicht werden sollte die Kontrolle dadurch, dass Oranje oft geschlossen in die gegnerische Hälfte hochschob, um den Gegner dort zu halten. Kombiniert mit schnellen und hohen Ballgewinnen – Stichwort Gegenpressing – blieb man zudem in Tornähe und hielt den Gegner möglichst weit vom eigenen Kasten fern. Dauerdruck und zwangsläufige Chancenflut.

Das niederländische Gegenpressing war grundsätzlich ausgefeilter und intensiver als das Pressing, das nicht permanent, meistens erst im Mittelfeld und quasi etappenweise und sehr ballorientiert hauptsächlich während der Ballannahme eines gegnerischen Spielers stattfand. Dass die Niederländer alle auf einmal wie von der Tarantel gestochen auf den Ballführenden zustürmten, wie man es aus manchen Videos kennt, fand nur selten statt.

Dieses “Jagen” war auch eine Variante der Abseitsfalle, durch die Oranje seine hohe Positionierung absichern wollte – worauf die Schiedsrichter oft auch dann hereinfielen, wenn die Falle eigentlich zu spät zugeschnappt war. Von sämtlichen Pressing-Vorgängen sahen die raumorientiert verteidigenden Niederländer übrigens merklich ab, sobald sie einem Kontrahenten gegenüberstanden, der selbstbewusst und pressingresistent dagegen anspielte. In solchen Fällen konzentrierte sich die Michels-Elf primär darauf, Gegner und Räume diszipliniert zuzustellen.

Die niederländische Offensive startete üblicherweise mit kontrolliertem Aufbauspiel in hinterster Linie. Häufig ließ sich der nominelle Mittelstürmer Cruyff dafür bis dorthin zurückfallen. Die meisten Angriffe begannen durch ihn, der eigentlich immer seine Füße mit im Spiel haben sollte, das darauf abzielte, den Gegner zu entzerren, aus seiner Positionierung zu locken. Für schnelle Verlagerungen zu diesem Zweck waren auch lange und hohe Bälle alles andere als ein Tabu.

Auch Cruyff suchte in der gegnerischen Hälfte dann entweder das Spiel über außen, wo gerne Doppelpässe zu Durchbrüchen führen sollten. Oder er setzte tief startende Mittelfeldspieler ein, die in den Halbräumen in die Rücken ihrer Gegenspieler starteten. Am Ende dieser beiden regelmäßigsten Angriffsvarianten standen meistens scharfe Hereingaben in die Mitte. So entstand der Großteil der niederländischen Chancen. Griff die Elftal mal durch die Mitte an, sprangen dabei häufig scharfe Fernschüsse heraus, wozu die meisten Akteure gefährlich in der Lage waren.

Wie total war der Fußball wirklich?

Dass in dieser Mannschaft jeder Spieler auf (nahezu) jeder Position spielen konnte, diese Erzählung ist nicht übertrieben. Mindestens die Stammspieler waren körperlich so fit, im Kopf so gescheit und technisch so herausragend ausgebildet, dass jede erdenkliche Rochade theoretisch möglich gewesen wäre.

Praktisch sah es ein bisschen anders aus. Üblich waren bestimmte Rochaden, die naheliegend waren und nicht zu viel Zeit benötigten, wieder umgekehrt zu werden, was in der Regel zeitig passierte. Linksverteidiger Krol tauchte nicht anstelle von Rep als Rechtsaußen auf – und umgekehrt. Häufiger tauschten Innenverteidiger mit Außenverteidigern, Außenstürmer und Mittelstürmer. Die Mittelfeldspieler waren am flexibelsten.

Die Niederländer von 1974 zelebrierten nicht die Endstufe des Totalfußballs. Aber sie waren, von 1 bis 11, nicht weit von der Endstufe des Totalfußballers entfernt.

Stärken und Schwächen

Körperlose Fußballgenialität, spielerisch ihrer Zeit voraus? Absolut nicht, also nicht nur. Denn eine unglaubliche Körperlichkeit gehört untrennbar zu den Niederländern von 1974 dazu. Jeder einzelne von ihnen war enorm fit, schnell, reaktionsstark, ausdauernd, überlegen in der Zweikampfführung. Schon dadurch war Oranje, das auch Härte nicht scheute, seinen Gegnern in der Regel überlegen. Technik und Taktik, also die offensichtliche fußballerische Überlegenheit, kamen “nur” noch oben drauf.

Oranje’ 74 war allerdings keine perfekt geölte Maschine. Obwohl sich seine Mitspieler selbst fußballerisch nicht unbedingt vor ihm verstecken mussten, waren sie enorm von Kapitän Cruyff abhängig. Diese Abhängigkeit konnte, gerade wenn der Mann mit der Rückennummer 14 enger bewacht wurde, zu einem Problem werden. Weil Cruyff außerdem als nomineller Mittelstürmer auflief, fehlte der Spielertyp einer “richtigen” Neun in der Mannschaft, auch wenn sie ihn in Teilen durch eine flexible und verlässliche Strafraumbesetzung kompensieren konnte. Die Chancenverwertung war ein Thema.

Defensiv war die Elftal längst nicht sattelfest. Sobald die erste Pressinglinie mal überspielt war, taten sich allein schon durch die hohe Positionierung viele Räume auf. Weil die niederländischen Verteidiger, wenn sie mal in diese Lage kamen, oft ambitioniert nach vorne verteidigten, waren sie in diesen Momenten anfällig gegen Gegner, die schnell und sauber durch die dahinter entstehenden Räume kombinieren konnten. Dann wurde das niederländische Defensivkonstrukt ziemlich luftig, was vor allem im Gruppenspiel gegen Bulgarien auftrat.

Der Verlauf

Am Anfang war ein Paukenschlag. Schon in den ersten Sekunden des ersten Gruppenspiels gegen naive Uruguayer schob Oranje mit allen Feldspielern in die gegnerische Hälfte auf, dominierte gegen eine noch sehr rohe Raumdeckung mit brutalem Pressing und 25:1 Torschüssen, der 2:0-Auftaktsieg fiel viel zu knapp aus. Auch die anderen beiden Gruppengegner, Schweden und Bulgarien, verteidigten eher im Raum, allerdings abgestimmter und mutiger, sodass die Elftal von ihrer intensiven Totaldominanz – gerade gegen den Ball – in Phasen absah. Gegen Schweden (0:0) wäre ein Sieg trotzdem verdient gewesen, das 4:1 gegen die Bulgaren, die die niederländischen Defensivprobleme wiederholt offenlegten, fiel hingegen zu hoch aus.

Auch zum Auftakt in die Zwischenrunde wurden Cruyff und Co. überforderte Südamerikaner zum Fraß vorgeworfen: Argentinien. Am Ende stand ein enorm dominantes 4:0, wenngleich mittlerweile deutlich wurde, dass die Konzentration und die verschiedenen Formen des Pressings durch die Abnutzung eines Turniers nicht mehr so konsequent aufrechtzuerhalten waren wie noch in der ersten Gruppenphase. Die DDR wurde anschließend teilweise problemlos mit 2:0 geschlagen, weil mutlose Ostdeutsche offensiv keine Gefahr ausstrahlten. Ihre konsequente Manndeckung gegen den Ball bereitete nicht nur Cruyff – gegen Konrad Weise – allerdings ungewohnt große Probleme.

Das letzte Zwischenrundenspiel – mit Tordifferenz-Vorteil für die Niederlande – war fast eine Art Halbfinale, weil die Brasilianer zuvor ebenfalls zweimal gewonnen hatten. Der Titelverteidiger trat zwar mit einer deutlich unbegabteren Truppe an als vier Jahre zuvor in Mexiko, stellte bis dato aber die eindeutig größte Herausforderung für Oranje dar. Der raumorientierte Defensivverbund der Brasilianer war stabil, die individuelle Qualität bei geradlinigen Nadelstichen immer wieder gefährlich. Tempo-Gegenstöße taten der Michels-Elf weh. Am Ende siegte sie verdient, aber auch ein wenig glücklich und dank der individuellen Klasse der Johans Cruyff und Neeskens.

Zum Finale später mehr.

Die Leistungsträger

Cruyff war das Genie, der beste Spieler bei dieser WM. Er spielte bis zum Finale in jedem Spiel mindestens gut, tauchte überall auf, initiierte nahezu jeden gefährlichen Angriff oder hatte in anderer Weise seine Füße im Spiel. Allein schon dadurch, dass diese überragende Mannschaft doch sehr auf ihn zugeschnitten und somit ziemlich abhängig von ihm war, der mit Abstand essenziellste Spieler im Team. Drei Tore und drei Vorlagen in sieben Spielen, eine der besten WM-Leistungen, die ein Spieler bei einem Turnier auf den Rasen zauberte. Vor allem einer der komplettesten Spieler, die es je gab.

Auch der andere Johan, Neeskens, war ein Schlüsselspieler. Zum einen als bester Torjäger, er traf – auch als Elfmeterschütze – fünfmal. Zum anderen glänzte er durch seine Arbeit, wenn der am höchsten positionierte der drei niederländischen Mittelfeldspieler nicht am Ball war. Einerseits brachte er dadurch, dass er oft in den vakanten Mittelstürmer-Raum vorstieß, Tiefe ins Spiel, andererseits lief und ackerte er gegen den Ball ohne Ende. Neeskens’ Zutun konnte auf den ersten Blick schnell übersehen werden, doch auch wenn er nicht über die Genialität seines Namensvetters verfügte, war er in den meisten Spielen nicht sehr viel weniger wichtig.

Van Hanegem spielte in erster Linie ein selbstloses Turnier. Der Feyenoord-Spielmacher, im Verein quasi mit Narrenfreiheit ausgestattet, konzentrierte sich im linken Mittelfeld vor allem auf die (vermeintlich) einfachen Dinge, damit der Gestalter von Feyenoords großem Rivalen Ajax, Cruyff, glänzen konnte. Van Hanegems defensiver Beitrag ist gerade im späteren Turnierverlauf nicht wegzudenken. Der Spieler, der die meiste Balance ins Spiel des Finalisten brachte.

Während vorne alle auf Cruyff hofften, verließen sie sich hinten auf Wim Rijsbergen. Die bemerkenswerte Zweikampf-Ausbeute des Feyenoord-Verteidigers ließ Torwart Jongbloed oft relativ entspannte Nachmittage verleben, nicht selten wirkte der Blondschopf wie eine Ein-Mann-Absicherung. Wie eine sehr gute. Während die Außenverteidiger oft weit aufgerückt waren und Nebenmann Haan, defensiv längst nicht so stark wie offensiv, sich auch lieber in Richtung gegnerisches Tor orientierte, war Rijsbergen der Spieler, der den Laden hinten zusammenhielt. Meistens stellte er den gefährlichsten gegnerischen Stürmer kalt und tauchte trotzdem immer noch dort auf, wo es ansonsten brannte. Eine große Turnierleistung.

Das Finale

90 Minuten noch bis zur Krönung. Eigentlich sah im Endspiel gegen Gastgeber Deutschland schon früh alles nach Titel aus. Noch ehe ein Deutscher den Ball überhaupt berührt hatte, schoss Neeskens die Elftal in der 2. Minute per Elfmeter in Führung. Doch anschließend gab sich Oranje – wahrscheinlich fing man das Nachdenken an – zu passiv, sodass die Elftal nie so richtig zu ihrem Rhythmus fand. Weil Franz Beckenbauer halt auch die personifizierte Pressingresistenz war. Und den Ball wunderbar genau in sich auftuende Lücken schnibbeln konnte. Bis ein stark aufspielendes Deutschland das Spiel noch vor der Pause nicht nur ausgeglichen, sondern sogar gedreht hatte. Hoppla.

Weite Strecken des zweiten Durchgangs dominierten die Niederlande dann in einigermaßen üblicher Manier. Doch “Terrier” Berti Vogts manndeckte Cruyff ziemlich aus dem Spiel, was den Angriffsbemühungen der dadurch ungewohnt uninspirierten Michels-Elf spürbar zusetzte. Weil sich Deutschland nach grob einer Stunde zudem bereitwillig auf tiefes Verteidigen einließ und das ziemlich gut machte, hatte Oranje quasi ohne sein Hirn (Cruyff) die bis dato härteste Nuss zu knacken.

Die wenigen großen Chancen, die es gab, vereitelte in erster Linie Sepp Maier, dessen Vorderleute sogar noch Pech mit dem englischen Schiedsrichter Jack Taylor hatten: Gerd Müller wurde wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung ein klares Tor zum 3:1 nicht anerkannt, Bernd Hölzenbein hätte in den Schlussminuten einen zweiten Elfmeter kriegen müssen. Der erste war übrigens einer.

Zwar wäre es nicht unbedingt unfair gewesen, wäre der Elftal noch das 2:2 geglückt, das definitiv in der Luft gelegen hatte. Doch dass sie schlussendlich als Verlierer vom Platz ging, war nicht nur tragisch. Sondern auch erklär- und nachvollziehbar.

Fazit

Die aus globaler Sicht futuristisch aufspielende niederländische Nationalmannschaft von 1974 zählt ohne Zweifel zu den besten, die den WM-Titel bisher verpassten. Es ist naheliegend, dass viele sie beim Turnier in der Bundesrepublik eigentlich für besser hielten als den Gastgeber, der sich im direkten Duell schließlich durchsetzen und krönen konnte.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass sie aus ganz logischen Gründen nicht so geölt und genial auftreten konnte wie die große Ajax-Mannschaft dieser Zeit, und dass sie ein paar entscheidende Schwächen hatte, die im Endspiel gegen Deutschland, das der Elftal vom Verlauf nicht in die Karten spielte, zum Vorschein kamen. Zwar hätte es auch Oranje verdient gehabt, durch seinen fortschrittlichen Fußball 1974 Weltmeister zu werden. Doch im Finale am 7. Juli verlor nicht die an diesem Tag bessere Mannschaft.

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