Ursprünglich habe ich diese Seite ja vor allem gegründet, weil mich der allgemeine Umgang mit der Geschichte des Fußballs so frustriert – besonders, wenn generationenübergreifend verglichen wird. Wobei entscheidende Dinge oft übersehen werden:
Wenn man aus der Zeit vor 2008, 2002 oder auch 1993 nie ein Fußballspiel in voller Länge gesehen hat und trotzdem felsenfeste Aussagen trifft, die das so furchtbar geflügelte “aller Zeiten” beinhalten, kann man auch ein Buch lesen und sich nach dem dritten von 20 Kapiteln lässig auf das beste festlegen. Wenn Ihr versteht.
Doch selbst wenn man qua seiner späten Geburt in den sauren Apfel beißt und sich einige der Spiele von lange vor der eigenen Zeit genau zu Gemüte führt, lassen sich entscheidende Fehler begehen. Die ewig nervige Zeitmaschinen-Denke zum Beispiel. Behauptungen wie: “Heute könnte der Puskas doch nicht mal mehr Regionalliga spielen!” Echt jetzt?
Auch mal auf die Idee gekommen, einen Lamine Yamal in den 1940er Jahren aufwachsen zu lassen, mit der damaligen “Professionalität”, Taktik, Trainingskultur, Ausrüstung oder Linie der Schiedsrichter? Ihn dann noch auf einem Rasen spielen zu lassen, der diese Bezeichnung gar nicht mehr verdienen würde und das Ganze schließlich mit einer verwackelten Schwarz-Weiß-Kamera filmen, deren Bildrate im Vergleich zu heute auch noch geringer ist, damit alles auch ja einen langsameren und weniger flüssigen Eindruck macht?
Da hätten wir schon mal die ersten Dinge, die wir bei alten Aufnahmen sehen, ohne sie wirklich wahrzunehmen.
Und sie sind wirklich voll davon. Voll von relevantem Kontext, den man schlicht und ergreifend berücksichtigen muss, wenn man ernsthafte Vergleiche ziehen will. Natürlich kann man erst mal sagen, dass Pelé nie in Europa spielte, dass Pelé mit 30 schon aus der Weltklasse fiel, dass Pelés Gegenspieler augenscheinlich kaum richtige Zweikämpfe führen konnten, zumindest mal aus heutiger Sicht. Oder man beachtet halt, dass die südamerikanischen Top-Ligen den europäischen seinerzeit ebenbürtig waren. Dass Pelé mit 30 schon so viele Spiele absolviert hatte wie Cristiano Ronaldo mit 40. Dass ein 2026 sauberes Reinstellen des Körpers vor 60 Jahren noch ziemlich konsequent abgepfiffen wurde, während übelste Blutgrätschen – heute sofort mit Platzverweisen quittiert – vollkommen salonfähig waren. Wofür würden sich damalige Verteidiger dann wohl entscheiden? Und welche Ära wäre Dir als Stürmer wirklich lieber?
Apropos: Blickt man nur auf die nackten Zahlen, war Erling Haalands Torschützenkrone 2023 in der Premier League ungefähr doppelt so eindrucksvoll wie Marco van Bastens 1990 in der Serie A. Jeweils die beste Liga ihrer Zeit – dieser gemeinsame Nenner reicht doch, oder?
Natürlich nicht. Denn dann hat man ziemlich ausschlaggebende Faktoren wie das Qualitätsgefälle innerhalb einer Liga oder die möglicherweise völlig unterschiedliche Art des kollektiv gespielten Fußballs noch außer Betracht gelassen. In mancher Ära bekam ein Stürmer fünf bis sechs Ballkontakte pro Spiel, in einer anderen in 90 Minuten stattdessen fünf bis sechs Großchancen serviert. In solchen Fällen sollten vielleicht lieber die Tore pro Abschluss oder Chancenqualität berechnet werden, was zumindest die Grundidee der “Expected Goals” zu einem guten Beispiel macht. Zu einem Beispiel für relative Statistiken, deren Sinnhaftigkeit die der absoluten oft weit übertrifft.
Die Relation ist der goldene Schlüssel. Will man unbedingt generationenübergreifend vergleichen, tut man das am besten relativ: wie die Spieler in Relation zu ihrer eigenen Ära, zu ihren eigenen Zeitgenossen abgeschnitten haben.
Im nächsten Schritt ist dann der Kontext König, das Berücksichtigen der Umstände. Klar, absolut betrachtet ist eine 100-Meter-Zeit von 9,75 Sekunden im Jahr 2026 deutlich besser als 9,85 Sekunden aus dem Jahr 1990. Wenn aber Trainingswissenschaft und -methodik, Beschaffenheit der Bahn oder individuell angepasstes Schuhwerk in den Vergleich einfließen, welche Zeit ist dann wirklich beeindruckender, besser? Einfach nur rein in die Zeitmaschine und dann ab dafür – das greift eigentlich immer zu kurz.
Zurück zum Fußball. Es wird noch komplizierter. Gezeigte und nicht gezeigte Dinge können auch sehr davon abhängen, was zur jeweiligen Zeit überhaupt gewünscht war. Ein großer Trumpf Lionel Messis ist, wenn man sein Spiel mit Pelé oder Diego Maradona vergleicht, dass er zwischen all den genialen Aktionen deutlich weniger Fehler macht. Genau das ist das Mantra des modernen Revolutionärs Pep Guardiola, unter dem der Argentinier seinen großen Durchbruch erlebte – während man Pelé oder Maradona einst mehr oder weniger die dauerhafte Lizenz zum Versuchen gegeben hatte. Wenn eine Aktion mal nicht klappte, dann klappte sie halt beim nächsten Mal. Weitgehend unbehelligt von Expected irgendwas.
Tauscht man hier gedanklich die zeitlichen Rollen, wird etwa die Anzahl der Ballverluste wahrscheinlich ganz schnell umgekehrt – was plumpe 1:1-Vergleiche im Handumdrehen unfair macht. Womöglich sogar in beide Richtungen.
Ähnlich verhält es sich doch auch beim Thema “Longevity”, bei der bemerkenswert lang anhaltenden Weltklasse. Was Messi oder CR7 in diesen Vergleichen einen Vorteil gibt, hatte früher einfach nicht die gleiche Priorität. Sowohl für die Spieler als auch für die Beobachter. Zumal eine derartige Selbsterhaltung früher schwieriger war. Heutige Profis achten sicherlich auch nicht sonderlich auf ein, zwei Aspekte, die in 30 Jahren auf einmal unheimlich bedeutsam sein werden.
Ihr merkt schon: Allzu viel – natürlich jenseits von Freude und Unterhaltung – bringen generationenübergreifende Vergleiche nicht. Das wird mir mit jedem Jahr, in dem ich mich mit den unterschiedlichen Epochen der Fußballgeschichte befasse, immer bewusster. Mit gröberer Linse sind sie schon irgendwie möglich, unbedingt mit viel Sorgfalt, das Entscheidende ist und bleibt definitiv das Wie.
Man kann sich die Fähigkeiten und Leistungen zweier Spieler oder Mannschaften, die jetzt nicht zwingend Eintagsfliegen waren, genau anschauen und dann mutmaßen, wie beide sie bei gleichen Bedingungen hätten zur Geltung bringen können. Oder wie ihre Taten und Erfolge, weil die Umstände anders waren, jeweils einzuordnen sind – wofür man in beiden Fällen so viel Kontext wie möglich kennen und berücksichtigen sollte.
Man kann natürlich auch, versteht mich nicht falsch, absolut vergleichen. Die Zeitmaschine anwerfen. Erkennen, dass sich eine jede Ära im Vergleich zur vorigen in gewissen Dingen weiterentwickelt hat, was ja keiner leugnet. Solche Vergleiche sind meiner Meinung nach allerdings relativ sinnlos. Wenn nicht sogar absolut nichtssagend.
