WIE WICHTIG WAR OLIVER KAHN BEI DER WM 2002?

Bei der WM 2002 schaffte es eine spielerisch kaum begeisternde deutsche Nationalmannschaft überraschend bis ins Finale. Wie weit wäre sie ohne Oliver Kahn gekommen?

Spielerische Höhenflüge unter Joachim Löw waren noch ferne Zukunftsmusik und der Tiefpunkt des “Rumpelfußballs” bei der EM 2000 noch gar nicht so lange her, als Deutschland unter Nationaltrainer Rudi Völler zur WM 2002 fuhr. Favoriten waren andere, sicher nicht das Team, das in einem Quali-Heimspiel gegen England mit 1:5 untergegangen war.

Was die DFB-Auswahl in Japan und Südkorea fußballerisch anbot, war zwar keine drastische Verbesserung, dennoch stieß sie überraschend bis ins Finale vor. Rückblickend hatte sie das fast ausschließlich ihrem Torhüter Oliver Kahn zu verdanken, der im Turnierverlauf über sich hinauswuchs, ausgerechnet im Endspiel aber entscheidend patzte. Den “Titan” und seine Rolle habe ich 20 Jahre später noch mal genau unter die Lupe genommen.

Disclaimer: Eine detaillierte Analyse von Kahns Torwartspiel wird dieser Artikel nicht bieten. Vielmehr werden seine Taten und deren Zeitpunkte chronologisch und im Kontext des Spielverlaufs eingeordnet – was wäre wohl gewesen, wenn damals ein anderer zwischen den Pfosten gestanden hätte?

Die Vorrunde

So richtig begonnen hat Kahns WM 2002 eigentlich erst im zweiten Spiel. Beim gefeierten 8:0-Sieg zum Auftakt stellte sich Gegner Saudi-Arabien doch wesentlich hilfloser an als man das heute – “Es gibt keine Kleinen mehr” – einem noch so großen Underdog zutrauen würde. Tatsächlich wurde Kahn überhaupt nicht geprüft, also keine Bewertung oder die obligatorische Note 3 für be … schäftigungslos.

Die Aufstellung zum Auftakt gegen Saudi-Arabien. Ziege und Jancker verloren ihren Platz im Turnierverlauf, Jeremies vertrat im Finale den gesperrten Ballack.

Über ausbleibende Herausforderungen konnte sich der Titan im zweiten Spiel gegen Irland wirklich nicht beklagen. Noch vor Deutschlands recht frühem 1:0 fängt er eine gefährliche Flanke sicher ab, danach beeindruckt der als mitspielender Keeper sicherlich weniger begabte Kahn mit einer astreinen Grätsche beim Herauseilen gegen Duff – a la Neuer gegen Algerien 2014.

Gegen die Iren sorgt der Rückhalt fast im Alleingang dafür, dass ein viel zu passives Deutschland in Führung bleibt. Vor allem, wenn er seine Linie verlässt. Kahn kommt im richtigen Moment raus und pariert erst stark erneut gegen Duff, wenig später rettet er auf diese Weise im Eins-gegen-eins mit Robbie Keane, dem er auch durch eine spektakuläre Sprungparade einen Treffer verwehrt. Dass der Angreifer in der Nachspielzeit doch noch das 1:1 erzielt, ist wohl eher ein, zwei Stationen vorher verschuldet worden. Dennoch kommt ein lauernder Kahn ausgerechnet in dieser letzten Szene womöglich nicht entschlossen genug raus.

Selbst wenn ihn bei Keanes extrem platziertem Schuss eine Mitschuld treffen sollte – bei aggressiverem Verhalten hätte er wohl das lange Eck angeboten -, bleibe ich gegen Irland bei der glatten Note 1.

Der dritte Gruppengegner Kamerun wurde – zum Beispiel vom TV-Duo Delling/Netzer – als stärkster eingeschätzt. Und es ging noch um alles oder nichts. Daher muss Kahn wieder ran. Etwa im nächsten Eins-gegen-eins (mit Olembé), in dem er erneut gut rauskommt und sich erfolgreich groß macht. Bei Womés wuchtigem Freistoß offenbart der Titan daraufhin erstmals Probleme, bereits in Führung liegend haben er und Deutschland zudem einmal Pfosten-Glück. Ohne weitere Großtat sind 2:0-Sieg und Weiterkommen in Unterzahl auch einer sehr zuverlässigen Leistung Kahns zu verdanken – Note 2.

Das erste kleine “Ohne Kahn”-Fazit. Hätte Deutschland trotz des 8:0 gegen Saudi-Arabien bereits in der Vorrunde ausscheiden können? Durchaus denkbar, dass in Passivität verfallene Deutsche mit einem “normalen” Torwart gegen Irland den Ausgleich wesentlich früher kassieren und anschließend noch das 1:2 fangen, weil die Feldspieler nicht mehr in der Lage waren, den Schalter umzulegen. Die Feldspieler, die gegen Kamerun dann durch den groben Abwehrschnitzer direkt in Rückstand geraten, den sie – spielerisch unterlegen – dezimiert hätten aufholen müssen.

Ja, schon das Vorrunden-Aus war greifbar gewesen, wenn man sich nur zwei, drei Weltklasse-Taten Kahns wegdenkt.

Die K.-o.-Phase

Im wohl zähesten deutschen Spiel bei dieser WM, dem Achtelfinale gegen Paraguay, muss Kahn jenseits des Saudi-Arabien-Spiels am wenigsten eingreifen. Während die Südamerikaner spielerisch noch enttäuschender sind als die Deutschen, produzieren sie durch Campos nur eine aussichtsreiche Schusschance, die der übergreifende Kahn stark aus dem Winkel wischt. Der minutenlang vorbereitete Freistoß seines Gegenübers Chilavert segelt über Kahns Tor, einem Elfmeter steht der Titan beim Stand von 0:0 nicht gegenüber – obwohl ein Handspiel des eingewechselten Baumann diesen hätte nach sich ziehen können. Note 2,5.

Als Kahns “mit Abstand bestes Spiel” sah nicht nur Bundestrainer Völler das Viertelfinale gegen die spielerisch überlegenen USA, in dem der Bayern-Keeper anders als gegen die Iren ohne Gegentor bleibt. Zwei überragende Paraden (groß geblieben im Eins-gegen-eins; Schlenzer aus dem Eck gekratzt) verhindern beim Stand von 0:0 den eigentlich logischen Rückstand, auch ansonsten steht Kahn richtig und ist bei gefährlichen Flanken sicher. Auch in diesem Spiel hätte der unter Berhalters Volley durchtauchende Kahn aber einen Gegentreffer kassiert, wenn Frings’ Hand den Ball nicht auf der Linie gebremst hätte. Daher “schlechter” als gegen Irland, “nur” Note 1,5. Aber normalerweise ist für ein offensiv stumpfes Deutschland hier Endstation.

Während sich besonders im Viertelfinale zeigte, wie wenig pressingresistent eine sehr heterogene deutsche Mannschaft war (dazu später mehr), wurde in diesem Spiel auch am ehesten deutlich, wie sich Kahns überschaubarer Beitrag im Offensivspiel gestaltete. Er bestand größtenteils aus zwei Aspekten: Zum einen meist präzise Abschläge auf einen Zielspieler wie Klose, zum anderen – wenn Kahn nicht unter Druck und auch der entsprechende Verteidiger ungedeckt war – durchaus geschickte Seitenwechsel im Spielaufbau. Seine Vorderleute konnten Kahn schon anspielen.

Im Halbfinale gegen Gastgeber Südkorea verhindert Kahn mit einer starken Flugeinlage in der Anfangsphase direkt den deutschen Rückstand, der sich in der Folge nicht mehr wirklich andeutet. Ohne selbst zu glänzen ist die Völler-Elf gegen quirlige, aber womöglich nicht ausreichend selbstbewusste Koreaner die aktivere Mannschaft, die sich schließlich durch die Willensleistung des im Endspiel gesperrten Ballack durchsetzt – und nur ein bisschen dank eines nach seiner Glanztat zumindest zuverlässigen Kahn. Note 2.

Wie schlecht war die Mannschaft als Ganzes?

Die Frage nach Deutschlands bestem Spieler bei der WM 2002 ist schnell beantwortet. Nur Holzfüße spielten jenseits von Kahn aber nun wahrlich nicht mit. Miroslav Klose gelangen zumindest in der Vorrunde fünf Tore, auch Dietmar Hamann gefiel in der ersten Turnierhälfte als Abräumer und Taktgeber vor der Abwehr. Außerdem überzeugte Thomas Linke als Manndecker der alten Schule, während Bernd Schneider besonders im Finale brasilianischer spielte als mancher Brasilianer. Torsten Frings bewies seine Fähigkeiten als Allrounder, Michael Ballack enttäuschte spielerisch tatsächlich – zumindest gemessen an seiner bärenstarken Vereinssaison.

Während Deutschland 2002 also über einige gute Spieler verfügte, von denen manche auch wirklich ordentlich bis gut spielten, war das große Problem dieser nicht guten Mannschaft ihre kaum vorhandene Kollektivität. Von theoretischer Vorgabe bis hin zu praktischer Schulung. Keinen Deut moderner als etwa 1990 gab es zwei Manndecker neben einer Art Libero im Abwehrverbund, davor ein Mittelfeldtrio, daneben zwei Außenbahnspieler – und ganz vorne zwei Stürmer. Für sich stehend waren die meisten der Mannschaftsteile qualitativ überdurchschnittlich, aber zusammen … es gab offensiv quasi kein zusammen. Defensiv half immerhin die Kompaktheit des 3-5-2.

Ballvorträge von ganz hinten ohne geschmeidige Verbindung zum Mittelfeld, das in seiner durchaus kreativen Zentrale selbst nur lange oder hohe oder lange und hohe Pässe auf die beiden kaum ins Spiel eingebundenen Stürmer schlug. Wie schon 1998 oder 2000: Das Spielermaterial war da, um eine gute Mannschaft zu formen. Die Herangehensweise entsprach jedoch selbst für damalige Verhältnisse der fußballerischen Steinzeit. Flanken und Standards. Sehr harte Kost. Bis zum Finale.

Didi Hamann fiel fußballerisch positiv auf, verlor im Finale vor dem 1:0 aber den Ball an Ronaldo. – Bild: liverpoolfc.com

Das Finale

Deutschlands mit Abstand beste Leistung jenseits von Saudi-Arabien? Ja. Deutschland als bessere Mannschaft, die genauso gut hätte gewinnen können? Trotz kollektiven (!) und spielerischen Vorteilen in der ersten Hälfte: nein.

Auf ihre Weise – stabil zu stehen und vor allem durch Gegenstöße ihre drei Star-Angreifer einzusetzen – werden die Brasilianer wesentlich gefährlicher als Deutschland, dem das nur kurz nach der Pause durch zwei Standards gelingt (Kopfball Jeremies, Pfosten-Freistoß Neuville). Ronaldo hätte die Selecao schon vor der Pause gleich dreimal in Führung bringen können, zweimal schien ihn allein Kahns Aura entscheidend dabei gestört zu haben. Beim dritten Mal eine starke Fußparade.

Auch wenn Kahn bei Klebersons Lattenschuss in der 45. Minute machtlos gewesen wäre: bis hierhin das nächste gute, womöglich sehr gute Spiel. Dann kommt die 52. Minute und Gilberto Silvas Nachsetzen nach Kahns nächster Tat – und der folgenschwere Tritt auf die Hand.

In der 67. Minute, die Schlafmützigkeit Hamanns gegen Ronaldo leitet ein, folgt Kahns erster und einziger und fataler Fehler. Rivaldos Fernschuss mit dem verletzten Finger nicht festgehalten, Ronaldo staubt zum 1:0 ab. Note 4.

Als das “Phänomen” zwölf Minuten später das 2:0 folgen lässt, kann Kahn nur hinterherschauen, wie der Ball perfekt platziert vom Innenpfosten in die Maschen prallt. Kurz darauf pariert Marcos, der schon Neuvilles Freistoß sensationell an den Pfosten gelenkt hat, herausragend gegen den eingewechselten Bierhoff. Was auch bedeutet: Im einzigen Spiel, in dem Kahn nur zweitbester Torwart auf dem Feld ist, verliert Deutschland. Das WM-Finale.

Kahn oder Neuer?

Nicht wenige fühlten sich bei Manuel Neuers WM 2014 an Kahn und 2002 erinnert – und es gibt durchaus überzeugende Parallelen. Das medienwirksame Schlüsselspiel in der K.-o.-Phase (Kahn gegen die USA, Neuer gegen Algerien), insgesamt zwei überragende Auftritte in wichtigen Spielen (Kahn – Irland, USA; Neuer – Algerien, Frankreich), mindestens eine starke Parade in fast jedem Spiel, die sichtbare Angst gegnerischer Stürmer im Eins-gegen-eins – als greifbarer Faktor.

Gegen Irland hatte Kahn sogar das Laufduell mit Grätsche a la Neuer, der sich im Finale 2014 wie Kahn einen bösen, wenn auch unbestraften Schnitzer erlaubte – denn sein Einsteigen gegen Higuain hätte gut und gerne in einem Elfmeter resultieren können.

Da eine wesentlich schwächere Mannschaft als 2014 auf einer Spiel-für-Spiel-Basis jedoch mehr auf Kahn angewiesen war als die Weltmeister auf Neuer, und da der Finaleinzug der 2002er Truppe unwahrscheinlicher gewesen war, hat Kahn jenseits der wohl recht vergleichbaren Leistungen wegen Bedeutung und Ausmaß in meinen Augen noch immer die Nase vorn.

Das Finale 2002, selbst auf diesem vermeintlich machbaren Turnierpfad, war mit einem auch nur etwas schlechteren Keeper einfach nicht vorstellbar.

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