WM 2002: WORAN BIELSAS ARGENTINIEN SCHEITERTE

Marcelo Bielsa gilt als Trainergenie, sein Kader von 2002 als bester, den Argentinien je bei einer WM hatte. Warum war schon nach der Vorrunde Schluss?

Schläge. Immer wieder ließ es Schläge. Wie ein Besessener donnerte Marcelo Bielsa, in Tränen aufgelöst, seinen Kopf gegen die Schränke der argentinischen Kabine. 12. Juni 2002, der Traum war ausgeträumt.

“Bielsa weinen zu sehen, war das Traurigste”, erinnert sich Juan Sebastian Veron, Anführer eines Teams, in dem “El Loco” sogar German Burgos hinter sich gebracht hatte, der in der Qualifikation fast durchgängig zwischen den Pfosten stand – um im Endturnier durch Pablo Cavallero ersetzt zu werden. Burgos ging wortlos auf Bielsa zu und umarmte ihn.

Da war eine Kabine voller Stars, die als solche aber keine Allüren zeigten, sondern sich dem Gemeinwohl verschrieben hatten. Die hinter einem Trainer standen, der sich wochenlang auf seiner Farm eingeschlossen hatte, um alle Gegner bis zum Erbrechen zu studieren; um sich nicht nur jede einzelne Spielminute David Beckhams anzusehen, sondern wahrscheinlich auch noch die Musikvideos seiner Frau Victoria. Und der seinen Spielern trotzdem “nur das zeigte, was wir sehen mussten” (Nelson Vivas) und sich “in wenigen Worten verständlich ausdrückte” (Veron).

Und doch war Bielsas Mission krachend gescheitert.

Die Ausgangslage

Einen solchen Rekord hatte dieser Modus der WM-Qualifikation bis Brasilien 2022 noch nicht erlebt. 43 Punkte aus 18 Spielen – bei 42:15 Toren. Argentinien hatte sich nicht nur als erste CONMEBOL-Nation für die WM 2002 qualifiziert, Argentinien hatte sich auf enorm souveräne Weise qualifiziert. Durch ihren erbarmungslosen, überwältigenden Offensivfußball avancierte die Albiceleste neben Titelverteidiger und Europameister Frankreich zum ganz großen WM-Favoriten.

Von dieser Mannschaft wurden geradezu Wunderdinge erwartet – oder zumindest der dritte Titel nach 1978 (Heimvorteil) und 1986 (Maradona). Diese Mannschaft des unkonventionellen Bielsa, der sich weder dem entfaltenden Stil Cesar Luis Menottis noch der kalkulierenden Methodik Carlos Bilardos wirklich zuordnen ließ, fand sich in Japan und Südkorea aber in der vielleicht kniffligsten Gruppe wieder. Nigeria, England und Schweden lauteten die Gegner, die Argentinien in der Vorrunde ausschalten musste.

Die Mannschaft

Personell variierte sie mitunter, in ihrer Struktur blieb sie eigentlich immer gleich. Argentinien agierte strikt in Bielsas 3-3-1-3/3-1-3-3-Formation: Dreierkette, Raute, zwei Außenstürmer, ein Mittelstürmer.

Bielsas erste Startelf gegen Nigeria. Auffällig: die großen Abstände zwischen Veron und den Angreifern.

Ins Turnier ging der damals 46-jährige Bielsa mit Cavallero im Tor, Pochettino, Samuel und Placente in der Abwehr. Davor Absicherung Simeone hinter Gestalter Veron, flankiert von den einrückenden eigentlichen Außenverteidigern Zanetti und Sorin. Im Sturm über rechts Ortega, über links Claudio Lopez – und in der Mitte Batistuta. Manche mehr, manche weniger gut aufgehoben auf ihrer Position – dazu später mehr.

Außerdem im Kader: Crespo, Aimar oder Kily Gonzalez. Um nur die Besten zu nennen.

Die Herangehensweise

Auch wenn Bielsas Startelf vor individueller Potenz und vielseitiger Kreativität nur so strotzte, wollte der Trainer in der Regel ziemlich klare Abläufe sehen. Der Rolle der Nummer zehn, ausgeführt vom diese ziemlich tief interpretierenden Veron, wurde die größte Verantwortung zuteil. Veron musste die meisten Angriffe inszenieren, durfte gefühlt als Einziger Linien überspielen und sollte mit seinen Pässen vor allem die im letzten Drittel stets gesuchten Außenstürmer einsetzen. Deren Hereingaben suchten schließlich Mittelstürmer Batistuta oder Nachrücker wie Sorin oder Veron selbst.

Der sehr tief positionierte Veron schlägt einen seiner “Quarterback-Pässe” in Richtung Außenstürmer. – Bild: YouTube/MedietaEN
Der Ball wandert im letzten Drittel nach außen, hier zu Veron selbst. Gegen Nigerias enge Abwehrkette hat Argentinien in der Mitte Unterzahl, die Flanke kommt nicht gut genug. – Bild: footballia.net

Defensiv wurde der Ball durch für damalige Verhältnisse außergewöhnlich intensives (Gegen-)Pressing meistens rasch zurückerobert, ehe das gewohnte Angriffsschema den nächsten Anlauf nahm. Die Dreierkette und der defensivste Mittelfeldspieler (zunächst Simeone) dienten in erster Linie der Absicherung, weil alle anderen Akteure eigentlich permanent angriffen.

Die Chronologie

Zum Auftakt gegen Nigeria wurde die Albiceleste ihrer Favoritenstellung gerecht. Argentinien dominierte das Spiel quasi nach Belieben, hatte den Ball, gewann ihn schnell zurück, ließ kaum etwas anbrennen und verlor den gegnerischen Strafraum selten aus den Augen. Einzig das Herausspielen und Nutzen klarer Torchancen bereitete Sorgen, den 1:0-Siegtreffer nach über einer Stunde erzielte Batistuta nach einer Ecke.

Im zweiten Spiel wartete mit Falkland-Feind England der härteste Gruppengegner, der den Argentiniern ihr dominantes Spiel schwer machte, Veron clever ausschaltete und durch Angststürmer Owen immer wieder gefährlich wurde. Der Liverpooler holte einen Elfmeter raus, den Beckham verwandelte. Trotz des immensen offensiven Potenzials und des entsprechenden Drucks gelang Argentinien diesmal kein Treffer – die erste Niederlage.

Die Konstellation während des letzten Gruppenspieltags bedeutete schließlich, dass die Albiceleste passive Schweden schlagen musste, um ins Achtelfinale einzuziehen. Argentinien machte – auch dank personeller Änderungen – sein bestes Spiel, erneut jedoch kein Tor. Nach einer Stunde verwandelten die Schweden einen Freistoß direkt, Crespos Abstauber nach Ortegas verschossenem Elfmeter kam in der 88. Minute zu spät. Nur remis, nur vier Punkte, Argentinien war tatsächlich raus.

Wie konnte das passieren?

Grund 1: Die Schlüsselspieler

Ein Trainer kann seinen Spielern noch so viel mit auf den Weg geben – und Veron betonte ja, dass Bielsa sie nicht mit Anweisungen überfrachtete -, spielen müssen die Spieler am Ende selbst. Und Bielsas Schlüsselspieler spielten über weite Strecken nicht gut genug.

Das Passspiel von Fixpunkt Veron, primär auf die Außen, ließ fast durchgängig zu wünschen übrig, sodass die meisten der wirklich zahlreichen Angriffe bereits im Keim erstickten. Und falls sie das nicht taten, fehlte fast jeder Lopez-Flanke von links die nötige Idee oder Präzision, während rechts Ortegas Entscheidungsfindung bei Dribblings oder Ablagen mit “unterirdisch” noch schmeichelhaft umschrieben wäre. Auch Schwedens Freistoßtor, das Cavallero durchaus verhindern kann, darf hier erwähnt werden.

Ergo: Die zwei wichtigsten Teilspielzüge von Bielsas Angriffsspiel funktionierten zum Großteil gar nicht, irgendwann waren sie ohnehin zu durchsichtig.

Grund 2: Die Chancen

Eine breite Brust durch einen deutlichen Auftaktsieg gegen Nigeria? Sie wäre möglich gewesen, wenn Argentinien nicht mehrere Hochkaräter fahrig ausgelassen hätte, die die Kreativabteilung trotz der in Punkt 1 angesprochenen Problematik in jedem Spiel produzierte.

Gegen England wurde das fatal, als Gonzalez und Batistuta beim Stand von 0:0 größte Großchancen hatten liegen lassen – eine Viertelstunde vor Schluss verpasste Samuel nach einer der einstudierten Ecken (Überladen am zweiten Pfosten) den wertvollen Ausgleich.

Selbst bei der spielerisch überzeugendsten Leistung gegen Schweden versagte Argentinien vor dem Tor. Sorin, der durch späte Läufe mehrmals in Mittelstürmermanier zum Kopfballabnehmer wurde, und Lopez belohnten die Albiceleste diesmal nicht, als sie in Führung gehen konnte. Quasi mit dem Schlusspfiff hatte dann erneut Lopez den erlösenden Siegtreffer auf dem Fuß – Außennetz.

Tatsächlich hätte schon eine kleine Verbesserung des Aspekts Chancenverwertung das Vorrunden-Aus der Bielsa-Elf höchstwahrscheinlich abgewendet, der in mehr als 270 Minuten gewissermaßen kein Tor aus dem Spiel heraus gelungen war.

Grund 3: Die Schwäche

Der schier pausenlose Angriff hatte für diese Mannschaft seine Berechtigung, weil er für sie die beste Verteidigung war. Zwar verfügte auch die Sektion Absicherung über gute Spieler und einen klaren Ansatz: Dank einer guten Raumaufteilung und punktuellem Pressing (immer ein Spieler ging den ballführenden Gegner gemäß der Mannorientierung aggressiv an) ließen laufstarke Argentinier nahezu keine gegnerischen Chancen zu.

Doch zum einen fiel Abwehrchef Ayala verletzt aus, zum anderen hatten alle anderen Verteidiger eine ausgemachte Schwäche: Besonders nach Ballverlusten – die Restverteidigung spielte meistens Eins-gegen-eins – bereiteten schnelle Stürmer den “Gauchos” große Sorgen. Geschwindigkeitsnachteile und Luft nach oben im direkten Zweikampfverhalten machten sich bemerkbar.

Elfmeter: Michael Owen war zu schnell, nicht nur für Mauricio Pochettino. – Bild: irishmirror.ie

Schulbuchmäßig aufgezeigt bekam die Albiceleste diese Schwachstelle bei der Niederlage gegen England – vom pfeilschnellen Owen, der Bielsas komplette Dreierkette bloßstellte. Samuel bekam keinen Zugriff bei Owens Pfostenschuss, Pochettino reagierte zu langsam auf dessen Richtungswechsel und verursachte den Elfmeter zum 0:1, und Placente ließ kurz nach der Pause beinahe das 0:2 durch Owen zu, das wegen Punkt 2 schon gar nicht mehr nötig war.

Grund 4: Plan A

Wann immer Bielsa in den drei Gruppenspielen wechselte, war es auf den ersten Blick eine richtige Entscheidung – sowohl vom Zeitpunkt her als auch vom Personal. Dass sein “In-Game-Coaching” jedoch nicht sonderlich ertragreich war, lag daran, dass das Trainergenie dabei nie von seinen starren Prinzipien abwich.

Die Herangehensweise blieb fast durchweg die gleiche, ebenso die Formation. Obwohl immer wieder deutlich wurde, dass Lopez, Gonzalez und Ortega auf Bielsas Außenstürmerpositionen tendenziell positionsfremd waren. Und Verons Rolle des Zehners, vor allem von Englands Trainer Sven-Göran Eriksson entschlüsselt, zu essenziell. Und die immer gleiche Angriffsidee irgendwann eben zu ausrechenbar. Eine enge Abwehrkette erfüllte den Job, weil Argentiniens Außenstürmer ja stets flanken mussten. Plan A, Plan A, Plan A.

Bielsa, der so sehr auf seinen Fußball fixiert war, dass er den ihm dafür zu trägen Juan Roman Riquelme gar nicht erst nominiert hatte, rückte im Angesicht der Tornot nicht einmal davon ab, nur Batistuta oder Crespo spielen zu lassen. Obwohl beide auf diese Weise jeweils leicht zu isolieren waren – und sie auch fast durchweg isoliert wurden. Eine Doppelspitze kam nicht infrage.

Spielten zu keinem Zeitpunkt gemeinsam: Gabriel Batistuta (li.) und Hernan Crespo. – Bild: mundoalbiceleste.com

“Der Trainer war der Einzige, der glaubte, dass wir nicht zusammenspielen konnten”, klagte “Batigol” noch 15 Jahre später – als auch er längst wusste, dass Bielsas einzige Anpassungen zu spät kamen. Im letzten Spiel gegen Schweden überlud “El Loco” mit Aimar statt Veron und zusätzlich Rechtsaußen Ortega den von Veron kaum genutzten Zehnerraum, was auch Batistuta half, während “Achter” Zanetti die rechte Seite bespielte. Aber Problempunkt 4 war ja nicht der einzige gewesen. Favoritensturz.

Fazit

WM-Favorit Argentinien scheiterte 2002 in erster Linie an dem Mann, der es erst so favorisiert hat werden lassen: Marcelo Bielsa. An einem Fußballvisionär, der nicht nur einmal anmerkte, dass Niederlagen für ihn so schlimm seien, dass ihm in der Konsequenz schon Selbstmordgedanken kamen. Und damit wahrscheinlich immer noch weniger schlimm als Erfolg auf eine Weise, die nicht seiner Vorstellung von Fußball entsprach.

Die Fixierung auf seine durchschaubaren Prinzipien verlangte von Spielern, die nicht perfekt in sein Schema passten, vor allem individuell auf sehr starkem Niveau abzuliefern, was den wenigsten gelang. In puncto Herausspielen und Nutzen von Chancen performten manche zwar so schlecht, dass Normalform hier trotzdem gereicht hätte, um in die K.-o.-Phase vorzudringen. Bielsas Festgefahrenheit verhinderte allerdings andere Wege, diese Problematik zu tilgen.

Unterm Strich kann man eine Teilschuld auf beiden Seiten ausmachen, wobei mehrere Punkte (Kaderplanung, Formationszwang, nur Plan A) auf Bielsa zurückfallen und eigentlich “nur” die Chancenverwertung auf die Spieler. Spieler, die laut Sorin “nach einer langen Saison in Europa einfach müde waren”. Vielleicht auch müde von Bielsa und dessen ab einem gewissen Zeitpunkt (an-)greifbarem Fußball. Irgendwann waren selbst für Pep Guardiolas FC Barcelona Gegenmittel gefunden.

“Ich glaube”, so Sorin, “unser Fußball hatte seinen Höhepunkt ein Jahr vorher erreicht”. Ein Jahr zu früh.

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