WARUM PELÉ VIELLEICHT NOCH IMMER DER BESTE IST

Edson Arantes do Nascimento – alle Welt kannte ihn als Pelé. Weil sein Lebenswerk allerdings in immer weitere Ferne rückt, weiß kaum noch jemand, wie eindrucksvoll es wirklich war.

Die Reputation kaum einer Legende hat im Zeitalter von Social Media so gelitten wie die des Pelé, dessen Zahlen und Leistungen gerade in der sogenannten “GOAT”-Debatte zunehmend infrage gestellt werden.

Warum sich “O Rei” seinen Platz in dieser Diskussion, die statt auf den größten wahrscheinlich eher auf den besten Spieler abzielt, nach wie vor redlich verdient hat – jenseits vom Argument der drei WM-Titel: Zehn Gründe, warum er vielleicht noch immer der Beste ist.

1. Die Fähigkeiten

Selbst viele der besten Spieler “aller Zeiten” hatten einen nicht ganz so starken schwächeren Fuß, waren entweder auf engem Raum oder per Kopf nicht herausragend, oder spielten beispielsweise über links spürbar weniger überzeugend als über rechts.

Bei Pelé lässt sich ganz banal sagen: Er konnte alles sehr gut, hatte in seinen besten Jahren eigentlich keine Schwächen. Beidfüßig im Dribbling wie im Abschluss, dazu ungeheuer sprung- und kopfballstark. Hatte mit viel Rasen vor sich eine hohe Geschwindigkeit und in knappen Räumen eine starke Balance und Intuition. Teilweise genial als Spielleser und Passgeber, gefährlich als Distanz- und Standardschütze, gut durchs Zentrum, über links und auch über rechts.

Wie andere überragende Spieler jeder Generation war auch Pelé seiner Zeit voraus und ließ Gegenspieler nicht selten wie Amateure aussehen. Er war als Fußballer derart komplett, dass er sogar einen so guten Torhüter abgab, dass er – für Notfälle – angeblich mal als Ersatzkeeper gemeldet wurde. Es gibt Aussagen ehemaliger Mitspieler, die beschwören, er sei sogar besser gewesen als der Stammtorwart.

2. Der Einfluss

Pelé feierte seine WM-Titel 1958 (und 1962) sowie 1970 an der Seite vieler großer Spieler, die große Mannschaften formten.

Aber: 1958 stotterte die Selecao gehörig – bis der angeschlagen ins Turnier gegangene 17-jährige Pelé und Garrincha eingesetzt wurden. Erst mit ihnen entwickelte sich Brasilien zur besten Mannschaft und zum würdigen Weltmeister.

Mit dem 1:0-Siegtor im Viertelfinale gegen Wales, drei Treffern im Halbfinale gegen Frankreich und zwei Toren im Finale gegen Gastgeber Schweden zementierte Pelé seinen Ausnahmestatus im Ausnahmeteam. Mit 17.

So auch zwölf Jahre später. 1969 wollte der eigenwillige Nationaltrainer Joao Saldanha den Routiner nach einer schwächeren Phase aussortieren – nach politischem Druck kehrte Pelé aber als Kopf der Mannschaft zurück. Saldanha nahm seinen Hut, während die Selecao unter Mario Zagallo – mit einem erstarkten Pelé als Garant des brasilianischen Spiels – jedes einzelne WM-Spiel gewann.

Auch beim FC Santos gab es neben Pelé eigentlich in jeder Phase weitere offensive Topspieler – bezeichnend ist aber, dass kein anderer Akteur, auch ligaweit, seinen Leistungen und Zahlen nahe kam.

3. Die Dominanz

Stand er keiner übermäßigen Härte gegenüber, war der 1962 verletzt ausgeschiedene und 1966 aus der WM gefoulte “Rei” seiner Konkurrenz stets überlegen. Pelé dominierte mit seinen Teams etwa 1958 das große Frankreich um Raymond Kopa und Just Fontaine oder die starken Schweden – und noch 1970 das vielleicht beste England überhaupt, Angstgegner Uruguay und Europameister Italien. Und meistens war er es, der am Ende den Unterschied machte. Mit 18 spielte er 1959 seine einzige Copa America – er wurde “bester Spieler” und Torschützenkönig.

Auf mehreren Vereins-Tourneen – die waren sogar so lukrativ, dass Pelé mehrere Teilnahmen an Copa Libertadores und Copa America verpasste – schlugen er und Santos außerdem nahezu jedes europäische Top-Team dieser Ära. Höhepunkte: Die Weltpokalsiege über Eusebios Benfica und die AC Mailand. In Brasilien wurde Santos fünfmal hintereinander nationaler Meister – damals sogar noch inklusive K.-o.-Modus. Der Titel in der Copa Libertadores wurde verteidigt. Pelé lieferte in großen Partien ab.

In insgesamt 14 WM-Spielen kam er auf zwölf Tore und zehn Vorlagen (bei Pelés WMs fielen pro Spiel im Schnitt 3,03 Tore, bei der WM 2022 durchschnittlich 2,69 Tore).

Weltpokal 1962: Eusebio (re.) schoss Europa kurz und klein, gegen Pelé und Santos zog Benfica jedoch den Kürzeren. – Bild: https://twitter.com/antonioubilla1

4. Die (Aus-)Dauer

1958 bereits einer der besten Spieler der Welt, 1970 noch immer. Dazwischen aber auch. 13+ Jahre ganz oben schafften als Offensivspieler auf diesem Niveau womöglich erst wieder Cristiano Ronaldo und Lionel Messi.

Währenddessen pflasterten zahlreiche Höhepunkte Pelés Karriere, die sich keinen nennenswerten Durchhänger erlaubte. Das Kalenderjahr 1959 etwa, mit angeblich 127 Toren in offiziellen und inoffiziellen Spielen. Die Copa Libertadores- und damals prestigeträchtigen Weltpokal-Titel der Jahre 1962 und 1963. Fünf Meisterschaften in Serie bis 1965. Oder das 1000. Karriere-Tor 1969. In den 1960er Jahren galt Pelé “allgemeingültig” als bester Spieler der Welt.

5. Die Entwicklung

Zu Beginn seiner Karriere noch eher als zentraler Stürmer auf Torejagd avancierte Pelé spätestens bis Anfang der 1960er zur hängenden Spitze – seiner laut eigener Aussage besten Position -, wobei er Sturmpartner Coutinho häufig als Zuspieler diente. Als der Umbruch in der Selecao anstand, glänzte “O Rei” auch mal über außen, ehe er sich bei der WM 1970 als Spielmacher aus der Tiefe ein wenig neu erfand – um als herausragender Spieler des Turniers seinen dritten Titel einzufahren.

Unterschiedliche Positionen auf Weltklasse-Niveau zu bekleiden und sich derart weiterzuentwickeln, ohne vorher “Erlerntes” wirklich zu verlieren, war schon damals höchst anspruchsvoll.

Coutinho (li.), Pelés kongenialer Sturmpartner bei Santos. – Bild: metropoles.com/esportes/futebol

6. Tore in Freundschaftsspielen?

Die bekannten Zahlen lauten: 1281 Tore in 1363 Spielen, offiziell und inoffiziell. Rein offiziell belaufen sich die gängigen Nummern meist auf 757 Tore in 812 Pflichtspielen – die Quote bleibt also nahezu identisch. Und ein beträchtlicher Teil Pelés “inoffizieller” Tore, der in durchaus kompetitiven Duellen mit europäischen Teams zustande kam, wird meistens sogar unterbewertet. Was sich rund um diese Spiele aufbauschte und dann auch auf dem Spielfeld ereignete, hatte meist wenig mit Freundschaftsspielen zu tun.

Tore gab es auch damals übrigens nicht wie Sand am Meer. In La Liga fielen zwischen 2010/11 und 2014/15 etwa 2,76 Treffer pro Spiel, bei Pelés fünf Meisterschaften in Serie (1961-65) waren es 3,10. Und zwar ausgeglichener verteilt.

7. Europa ist kein Kriterium

Ob Inter, Juve, Reims, Real, Barca – oder Uwe Seelers HSV: Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre bespielte und schlug Pelé mit Santos viele der großen und sehr großen europäischen Teams. In Spielen, in denen es um eine Menge Prestige ging.

Heraus sticht Pelés Fabelleistung, als er beim Weltpokalsieg über Europas herausragendes Team dieser Ära, Benfica Lissabon um Eusebio (fünf Landesmeister-Finals in den 60ern), in zwei Spielen fünf Tore (!) schoss.

Großes Interesse europäischer Topklubs an Pelé hat es natürlich reichlich gegeben, Santos und vor allem die brasilianische Politik legten aber ihr unumgängliches Veto ein. Hätte er die Wahl gehabt, wäre Pelé mit großer Wahrscheinlichkeit über den Atlantik gewechselt.

8. Pelés Ligen waren ebenbürtig

Aber wieso hätte Pelé für ein anderes Standing überhaupt in Europa spielen müssen, wenn der südamerikanische Vereinsfußball dem europäischen in dieser Zeit nicht unterlegen war?

Verteidigt wurde in Brasilien auch damals etwas anders, vielleicht ein bisschen schlechter als in Europa – wobei Pelé für Klub und Nation nachweislich auch die transatlantischen Abwehrreihen vorführte. Grundsätzlich gilt zu beachten, dass sich die Bewertung der Zweikampfführung im Verlauf der Jahrzehnte global teils drastisch geändert hat. Zu Pelés Zeit durfte etwa brutal gegrätscht werden ohne Ende, aus heutiger Sicht fairer Körpereinsatz wurde allerdings oft abgepfiffen. Womit sich in der Rückschau ungewöhnlich anmutendes Verhalten von Verteidigern aus dieser Zeit erklären lässt.

Was darüber hinaus zur Wahrheit gehört: Zwei große Generationen der Selecao, die er anführte, dominierten den Weltfußball über weite Strecken von Pelés Karriere. Brasilien bestach gerade auch durch seine Kadertiefe – und damals spielten nahezu alle starken Brasilianer noch in der Heimat, sodass zumindest der gesamtnationale Wettbewerb ohne Zweifel zu den besten der Welt zählte. Und in der Staatsmeisterschaft von Sao Paulo spielten viele der besten Klubs des Landes.

Nicht zuletzt die Ergebnisse im Weltpokal untermauerten, dass sich der europäische und der südamerikanische Fußball in Pelés Ära noch ziemlich auf Augenhöhe begegneten. Eusebio, Bobby Charlton oder Franz Beckenbauer haben nie in Südamerika gespielt, könnte man sagen.

9. Alter ist nicht nur in Jahren zu bemessen

Nach der WM 1970, wenig später wurde er erst 30 Jahre alt, ließ Pelé seine Karriere auf Top-Niveau allmählich ausklingen. Eine gewisse Abnutzung war ihm deutlich anzumerken. Aber die kam nicht von ungefähr.

Pelé spielte in den 15 Jahren zwischen 1956 und 1970 Spiele für über 20 Jahre. Speziell durch die globalen Tourneen bestritt Santos’ Hauptattraktion regelmäßig 80, 90 Partien pro Jahr. Nach über 1000 Spielen bis 1970 machte sich die Belastung – in einer Ära, in der noch ganz anders gefoult werden durfte – unweigerlich bemerkbar.

1363 Spiele hat selbst Gianluigi Buffon in 28 Jahren nicht erreicht.

10. Es muss relativ, nicht absolut verglichen werden

Man darf natürlich nicht versuchen, Pelé gedanklich aus den 1960ern per Zeitmaschine in den Fußball von 2020 einfügen zu wollen – wahrscheinlich wäre er ohne Anlaufzeit überfordert und nicht mal mehr die Hälfte wert.

Epochenübergreifende Vergleiche sind durch die gravierende Entwicklung von Trainingsmöglichkeiten und -methoden, den taktischen Fortschritt oder die Qualität der Ausrüstung, der Spielfelder etc. kaum möglich und hinken daher meist gewaltig.

Verfechter von absoluten Vergleichen, die es natürlich auch gibt, werden mit ehemaligen Legenden, selbst mit Pelé, wohl verhältnismäßig wenig anfangen können – ihnen muss aber klar sein, dass in 20, 30 Jahren die unweigerliche Entwicklung auch ihre Helden abhängen wird.

Will man einen Pelé unbedingt seriös mit heutigen Stars vergleichen, hilft also nur die Relation: wie sich die Spieler im Fußball ihrer Zeit mit ihren Möglichkeiten gegen ihre Zeitgenossen behauptet haben. Und je nach Gewichtung, Interpretation und Präferenz bleibt “O Rei” auf diese Weise für viele noch bis heute der Beste. Es gibt reichlich Gründe dafür.

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