ZEHN GRÜNDE: Warum Pelé vielleicht noch immer der Beste ist

Edson Arantes do Nascimento wird heute 80 – und mit jedem Jahr fällt es schwerer, “O Rei”, den König, richtig einzuordnen. Ein Versuch:

Die Reputation kaum einer Legende hat im Zeitalter von Social Media so gelitten wie die des Pelé, dessen Zahlen und Leistungen gerade in der sogenannten “GOAT”-Debatte in Frage gestellt werden.

Warum sich “O Rei” seinen Platz in dieser meiner Meinung nach nicht final zu beantwortenden Diskussion, die statt auf den größten wahrscheinlich eher auf den besten Spieler abzielt, nach wie vor redlich verdient hat – jenseits vom Argument der drei WM-Titel:

1. Die Fähigkeiten

Selbst viele der besten Spieler aller Zeiten haben einen nicht ganz so starken schwächeren Fuß, sind entweder auf engem Raum oder per Kopf nicht herausragend, oder spielen beispielsweise über links spürbar weniger überzeugend als über rechts.

Bei Pelé lässt sich ganz banal sagen: Er konnte alles sehr gut, hatte in seinen besten Jahren eigentlich keine Schwächen. Beidfüßig im Dribbling wie im Abschluss, dazu ungeheuer sprung- und kopfballstark. Hatte mit viel Rasen vor sich eine hohe Geschwindigkeit und auf engem Raum eine einzigartige Balance und Intuition. Teilweise genial als Spielleser und Passgeber, gefährlich als Distanz- und Standardschütze, effizient durchs Zentrum, über links und auch über rechts.

Wie andere überragende Spieler jeder Generation war auch Pelé seiner Zeit voraus und ließ Gegenspieler nicht selten wie Amateure aussehen. Er war als Fußballer derart komplett, dass er sogar einen so guten Torhüter abgab, dass er – für Notfälle – tatsächlich als Ersatzkeeper gemeldet wurde. Es gibt Aussagen ehemaliger Mitspieler, die beschwören, er sei sogar besser gewesen als ihr Stammtorwart.

2. Der Einfluss

Pelé feierte seine WM-Titel 1958 (und 1962) sowie 1970 an der Seite vieler großer Spieler, die große Mannschaften formten.

Aber: 1958 stotterte die Selecao – bis der angeschlagen ins Turnier gegangene, 17-jährige Pelé (und Garrincha) eingesetzt wurde(n). Erst mit ihnen entwickelte sich Brasilien zur besten Mannschaft und zum würdigen Weltmeister.

Mit dem 1:0-Siegtor im Viertelfinale gegen Wales, drei Treffern im Halbfinale gegen Frankreich und zwei Toren im Finale gegen Gastgeber Schweden zementierte Pelé seinen Ausnahmestatus im Ausnahmeteam.

So auch zwölf Jahre später. 1969 wollte der eigenwillige Nationaltrainer Joao Saldanha den Routiner in einer unsicheren Phase aussortieren – nach politischem Druck kehrte Pelé aber als Kopf der Mannschaft zurück. Saldanha nahm seinen Hut, während die Selecao unter Mario Zagallo – mit einem erstarkten Pelé als Garant des brasilianischen Spiels – jedes einzelne WM-Spiel gewann.

Auch beim FC Santos gab es neben Pelé eigentlich in jeder Phase weitere offensive Weltklassespieler – bezeichnend ist aber, dass kein anderer Akteur, auch ligaweit, seinen Leistungen und Zahlen auch nur nahe kam.

3. Die Dominanz

Stand er keiner übermäßigen Härte gegenüber, war der 1962 und 1966 aus der WM gefoulte “Rei” seiner Konkurrenz stets überlegen. Pelé dominierte mit seinen Teams etwa 1958 das große Frankreich um Kopa und Fontaine oder die starken Schweden – und noch 1970 das vielleicht beste England überhaupt, Angstgegner Uruguay und Europameister Italien. Und meistens war er es, der am Ende den Unterschied machte.

Auf mehreren Tourneen schlugen Pelé und Santos außerdem nahezu jedes europäische Top-Team dieser Ära. Höhepunkte: Die Weltpokalsiege über Eusebios Benfica und die AC Mailand. In Brasilien wurde Santos fünfmal hintereinander nationaler Meister – damals sogar noch inklusive K.-o.-Modus. Pelé lieferte in großen Partien ab.

In insgesamt 14 WM-Spielen kam er auf irre zwölf Tore und zehn Vorlagen (bei Pelés WMs fielen pro Spiel im Schnitt 3,03 Tore, bei den WMs 2014 und 2018 durchschnittlich 2,66 Tore).

Weltpokal 1962: Eusebio (r.) schoss Europa kurz und klein, gegen Pelé und Santos zog Benfica jedoch den Kürzeren. – Bild: https://twitter.com/antonioubilla1

4. Die (Aus-)Dauer

1958 bereits einer der besten Spieler der Welt, 1970 noch immer. Dazwischen aber auch. 13+ Jahre ganz oben schafften als Offensivspieler auf diesem Niveau wohl erst wieder Cristiano Ronaldo und Lionel Messi.

Währenddessen pflasterten diverse angesprochene Höhepunkte Pelés Karriere, die sich keinen Durchhänger erlaubte. Das Kalenderjahr 1959 etwa, mit angeblich 127 Toren in offiziellen und inoffiziellen Spielen. Die Copa Libertadores- und damals prestigeträchtigen Weltpokal-Titel der Jahre 1962 und 1963. Fünf Meisterschaften in Serie bis 1965. Oder das 1000. Karriere-Tor 1969. In den 1960er Jahren galt Pelé “allgemeingültig” als bester Spieler der Welt – und war dahingehend ziemlicher Pionier.

5. Die Entwicklung

Zu Beginn seiner Karriere noch eher als Mittelstürmer auf Torejagd, avancierte Pelé bis Anfang der 60er zur hängenden Spitze – seiner laut eigener Aussage besten Position -, die Sturmpartner Coutinho häufig als Zuspieler diente. Als der Umbruch in der Selecao anstand, glänzte “O Rei” dann auch über außen, ehe er sich bei der WM 1970 als Spielmacher aus der Tiefe neu erfand – um als herausragender Spieler des Turniers seinen dritten Titel einzufahren.

Unterschiedliche Positionen auf Weltklasse-Niveau zu bekleiden und sich derart weiterzuentwickeln, ohne vorher “Erlerntes” wirklich zu verlieren, war schon damals höchst anspruchsvoll.

Coutinho (l.), Pelés kongenialer Sturmpartner bei Santos. – Bild: metropoles.com/esportes/futebol

6. Viele Tore in inoffiziellen Spielen?

Die bekannten Zahlen lauten: 1281 Tore in 1363 Spielen, offiziell wie inoffiziell. Rein offiziell belaufen sich die gängigen Nummern meist auf 757 Tore in 812 Spielen – die Quote bleibt also nahezu identisch.

757 beziehungsweise 767 Tore sind eine Marke, die erst Cristiano Ronaldo und Lionel Messi überbieten (werden). Allerdings bleibt Pelés Quote besser – und ein beträchtlicher Teil seiner “inoffiziellen” Tore, der in durchaus kompetitiven Duellen mit europäischen Teams zustande kam, wird vielerorts sogar unterbewertet.

In La Liga fielen zwischen 2010/11 und 2014/15 etwa 2,76 Tore pro Spiel, bei Pelés fünf Meisterschaften in Serie (1961-65) waren es 3,10.

7. Er hat nie in Europa gespielt?

Ob Inter, Juve, Reims, Real, Barca – oder Uwe Seelers HSV: Ende der 50er und Anfang der 60er bespielte und schlug Pelé mit Santos viele der großen und sehr großen europäischen Teams.

Heraus sticht Pelés Fabelleistung, als er beim Weltpokalsieg über Europas herausragendes Team dieser Ära, Benfica Lissabon um Eusebio (fünf Landesmeister-Finals in den 60ern), in zwei Spielen fünf Tore (!) schoss.

Interesse europäischer Topklubs an Pelé hatte es natürlich reichlich gegeben, Santos und vor allem die brasilianische Politik legten aber ihr unumgängliches Veto ein.

8. Die brasilianische Liga war schlecht?

Verteidigt wurde in Brasilien sicherlich auch damals etwas schlechter als in Europa, auch wenn Pelé für Klub und Nation nachweislich auch die transatlantischen Abwehrreihen vorführte (große Verletzungsgefahr gab es global).

Was sich allerdings sagen lässt: Zwei große Generationen der Selecao, die er anführte, dominierten den Weltfußball über weite Strecken von Pelés Karriere. Brasilien bestach gerade auch durch seine Kadertiefe – und damals spielten nahezu alle starken Brasilianer noch in der Heimat, sodass zumindest der gesamtnationale Wettbewerb ohne Zweifel zu den besten der Welt zählte. Doch auch in seiner Staatsmeisterschaft spielten viele der besten Klubs des Landes.

Generell begegneten sich in den 1960er Jahren der europäische und der südamerikanische Fußball noch ziemlich auf Augenhöhe, was nicht nur der Weltpokal untermauerte.

9. Mit 29 Jahren war er “fertig”?

Nach der WM 1970, wenig später wurde er erst 30 Jahre alt, ließ Pelé seine Karriere allmählich ausklingen. Eine gewisse Abnutzung war ihm deutlich anzumerken. Aber die kam nicht von ungefähr:

Pelé spielte in den 15 Jahren zwischen 1956 und 1970 Spiele für über 20 Jahre. Speziell durch die globalen Tourneen bestritt Santos’ Hauptattraktion regelmäßig 80, 90 Partien pro Jahr. Nach etwa 1000 Spielen bis 1970 machte sich die Belastung – in einer Ära, in der noch ganz anders gefoult werden durfte – unweigerlich bemerkbar.

1363 Spiele hat selbst ein Gianluigi Buffon in 25 Jahren noch lange nicht erreicht.

10. Es muss relativ, nicht absolut verglichen werden

Man darf nicht versuchen, Pelé gedanklich aus den 60ern per Zeitmaschine in den Fußball von 2020 einfügen zu wollen – natürlich wäre er überfordert und nicht mal mehr die Hälfte wert.

Epochenübergreifende Vergleiche sind durch die gravierende Entwicklung von Trainingsmöglichkeiten und -methoden, den taktischen Fortschritt oder die Qualität der Ausrüstung, der Spielfelder etc. kaum möglich und hinken daher meist gewaltig.

Verfechter von absoluten Vergleichen, die es natürlich auch gibt, werden mit ehemaligen Legenden, selbst mit Pelé, wenig anfangen können – ihnen muss aber klar sein, dass in 30, 40 Jahren die unweigerliche Entwicklung auch ihre Helden abhängen wird.

Will man einen Pelé unbedingt seriös mit heutigen Stars vergleichen, hilft also nur die Relation: wie sich die Spieler im Fußball ihrer Zeit mit ihren Möglichkeiten gegen ihre Zeitgenossen anstellten. Und je nach Gewichtung, Interpretation und Präferenz bleibt “O Rei” auf diese Weise für viele bis heute einer der Besten – vielleicht sogar der Beste.

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